Zitronenjette

Johanna Henriette Müller, genannt Zitronenjette,

war am 18. Juli 1841 als uneheliches Kind

in Dessau geboren. Mutter Leopoldine zog

aber bald darauf nach Hamburg und verheiratete

sich hier. Henriette wohnte als Zitronenhändlerin

zuerst bei ihrer Schwester im Gängeviertel,

dann allein am Teielfeld, Ecke Herrengraben.

Gestorben ist sie am 8. Juli 1916.

 

Zitronenjette war angeblich nur 1,32m groß und soll nicht einmal 70 Pfund gewogen haben. Sie war also schon in dieser Hinsicht eine „unglückliche Person“ wie sie immer von sich sagte. Ihre platt gedrückte Nase ließ sie außerordentlich hässlich erscheinen und die weinerliche Stimme, mit der sie ihre Ware anpries, rührte manchen Vorübergehenden, so dass ihr oftmals mildherzige Gaben zu flossen. Sie handelte mit Zitronen, die sie aus einem großen Korb den Passanten feilbot. Gewöhnlich stand sie am Graskeller, der damals infolge Erhöhung der Fahrbahn noch einen tieferliegenden Bürgersteig hatte. Wenn die Fußgänger an der Treppe ihren eiligen Schritt ein wenig verhielten, konnten sie die kleine Frau nicht gut übersehen. Zudem war sie immer gleich gekleidet: kurzer Rock, wie er bei Marktfrauen üblich war, blaue Schürze, großes buntes Umschlagtuch und keine Kopfbedeckung. So stand sie da in Wind und Wetter, im Sommer und Winter. Am Spätnachmittag und Abend zog sie meistens noch durch die Lokale, um hier ihre Zitronen an den Mann zu bringen. Dabei geschah es oft, dass Stammgäste für sie ein großes Glas Schnaps bringen ließen, einen so genanten Barmbeker, das sie dann zur allgemeinen Belustigung auf einen Zug leerte. Diese Gewöhnung an den Alkohol führte dazu, dass sie auch während der Tageszeit meistens ein Kümmelfläschchen bei sich hatte und ihm zwischendurch öfter zusprach. Wenn sie dann heimwärts wankte, folgte ihr gewöhnlich ein große Schar Kinder, die sie hänselten und ihr das allen bekannte „Zitronenjette! Zitronenjette!“ nachriefen. Manchmal brachten mitleidige Menschen sie nach Hause. Oftmals aber musste die Polizei sie auflesen. Dann kam sie unter großen Hallo auf die Karre, wurde zur Polizeiwache oder nach dem Kurhaus gefahren und konnte da ihren Rausch ausschlafen. Endlich wurde es der Polizei zu bunt. Man liefert sie 1894 in Friedrichsberg ab, damals noch Irrenanstalt. Hier erkannte man, dass es sich um ein haltloses, schwachsinniges, aber williges Menschenkind handelte. Da man ihr den Alkohol nur fernhalten konnte, wenn man sie in einer Anstalt unterbrachte, behielt man sie kurzerhand da und beschäftigte sie in der Küche. Hier ist sie noch 22 Jahre bis zu ihrem 75. Lebensjahre erfolgten Tode tätig gewesen.

Schon zu ihren Lebzeiten 1900, spielte man im Ernst-Drucker-Theater eine Hamburger Volksposse „Zitronenjette“ in 7 Bildern von Theodor Francke, in der ein Stück Leben im Gängeviertel dargestellt wurde. In der Titelrolle glänzte der schon damals als Darsteller weiblicher Rollen dieser Art berühmte „Papa Seybold“.

Eines Tages holte man Henriette Müller von Friedrichsberg ab und ließ sie als Ehrengast an einer Vorstellung teilnehmen. Sie fand auch alles sehr nett, aber solchen „Kömbaß“ hätte sie nie gehabt. Das Stück ist auch später noch wiederholt auf den Spielplan erschienen. 1940 schrieb Pauel Möhring eine neue „Zitronenjette“, in der Ernst Budzinski die Titelrolle spielte. 1955 und 1962 war das Stück wieder auf den Spielplan. Trägerin der Titelrolle war Christa Siems. 1973 – 1975 hat Henry Vahl diese Rolle 200 mal im St. Pauli-Theater gespielt.

© 2005 / head-house.de