Vetter Kirchhoff

Jakob Friedrich Kirchhoff, beeidigter Leinenmakler, geboren etwa 1780, gestorben 1842, nach anderen im Mai 1844.

Vetter Kirchhoff - wessen Vetter er eigentlich war, ist nicht mehr festzustellen- gehörte ganz und gar nicht zu den Originalen, die wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen Gegenstand frivolen Spaßmachens waren. Er war selbst ein Spaßmacher, und wenn sich auch ganz Hamburg über seine Streiche amüsierte, so hatte er doch selbst das größte Vergnügen an seinen lustigen Einfällen. Er zählte auch nicht zu den materiell Armen, sondern galt als sehr begütert, wenn auch niemand so recht wusste, woher er sein Einkommen bezog. Wohl war er täglich in der Börse, aber so ganz ernst nahm man ihn da als Kaufmann nicht. Nach einigen Gewährsmännern bewohnte er in der Nähe der Großen Michaelis Kirche das halbe erste Stockwerk eines Mietshauses, wo der Dichter Heinrich Heine sein Zimmernachbar war. Nach anderen wohnte er an der Drehbahn, der Straße in der auch Hummel wohnte. In der erstgenannten Wohnung war eine Witwe mit sieben Töchter seine Hauswirtin. Sie war bedeutend älter als er, so dass er wahrscheinlich, als sie gestorben war, seine Wohnung wechselte, um den Heiratsgelüsten der sieben Töchter zu entgehen. Es ist aber auch keiner anderen Frau gelungen, seinem Junggesellendasein ein Ende zu bereiten.

Kirchhoff war sehr beleibt, trug sich dabei immer betont elegant und nach der neuesten Mode. Im Sommer war er nicht ohne frisch gebügelte weiße Hose denkbar. Eine goldene Lorgnette und brillantenbesetzte Hemdenknöpfe zeugten von seiner Wohlhabenheit. Ein weißer Zylinder entsprach dem Geschmack der Zeit. Ebenso war der von ihm getragene Vatermörder die übliche Halsverzierung. Ein Paar himmelblaue Augen und ein glattrasiertes Kinn verliehen seinem Gesicht einen Ausdruck von Gutmütigkeit und Harmlosigkeit, weshalb die von ihm Gefoppten ihm niemals ernstlich böse sein konnten.

Kirchhoffs Streiche waren zu seiner Zeit stadtbekannt. Es mag in der Folgezeit, wie es beim Alten Fritz, bei Eulenspiegel, beim tollem Bomberg und ähnlichen, durch das ganze Land bekannten Gestalten der Fall ist, noch vielerlei hinzugezählt worden sein, das, von anderen verübt, ihm angehängt wurde. Immerhin ist es ein Zeichen, dass er sagenhaft weiterlebte. Noch 70 Jahre nach seinem Tode erschien ein Buch, indem 25 seiner übermütigsten Streiche erzählt wurden.

Am liebsten legte er sich mit den Organen der öffentlichen Ordnung an, vor allem mit den Torhütern und den Nachtwächtern. Wachsoldaten, die ihn, da er leicht angetrunken war, nachhause geleiten sollten, traktierte er auf dem Weg mit Schnäpsen, dass er sie nach einigen Stunden als total Betrunkene wieder auf der Wachstube ablieferte. Wenn er die Torwache ärgern wollte, mietete er einen Wagen, ließ er 12 Personen, die während der Torsperre in die Stadt wollten, aufsteigen und fuhr mit ihnen durch das Tor. Da ein besetztes Fuhrwerk nur die dreifache Taxe eines Fußgängers zu entrichten hatte, war die Kasse um die Zahlungen von neun Personen geprellt.

Am meisten aber war er bei den Nachtwächtern gefürchtet. Da sie nicht gerade zu den Gescheitesten gehören, gingen sie ihm immer wieder auf den Leim. Verbürgt ist die Geschichte die ihm auf lange Zeit hinaus die Sympathien der gesamten Nachtwächterschaft gekostet hat. Eines Nachts lag er in seinem offenen Fenster und sah zwei Nachtwächter ihre Runde machen. Er rief sie heran, sie müssten schnell einmal kommen, müssten aber noch zwei Mann heran holen. Als dann die vier Nachtwächter zur Stelle waren schickte er diese wieder los es reichte noch nicht sie müssten noch vier Mann hinzuziehen. Als sie dann ihrer acht waren, war er noch nicht zufrieden es müssten noch vier Mann mehr sein.

Erfüllt von der Wichtigkeit irgendeines, ihnen vorläufig noch unbekannten Geheimnisses, gingen die acht los und schafften noch weitere vier herbei. Als das Dutzend voll war, schien Kirchhoff zufrieden zu sein, wollte sich aber auf alle Fälle vergewissern, dass keiner fehlte und fragte deshalb: „Sünd ji ok twolf Mann?“, worauf der Chor pflichteifrichgst antwortete: „Jawohl Herr Kirchhoff, twolf Mann op'n Dutt!“ „Na“, sagte Kirchhoff dann, erfreut über ihren Diensteifer, „denn köönt ji mi alle twolf mohl fix ...“, womit er sich seinem Vorredner Götz von Berlichingen sinngemäß anschloss. Das er nach solcher Verhöhnung der Diener des Staates bei jeder sich bietenden Gelegenheit und kam bei seinem nächtlichen mit einigem Lärm verbundenen Unternehmungen öfter vor- arretiert wurde, sind nur allzu verständlich. Aber dann verschlief er den Rest der Nacht auf der Wache und bezahlte am Morgen seine „Fiev Mark veertein“. Damit war der Fall jedes mal erledigt. Harmloser war die Geschichte mit dem Droschkenkutscher, die er oft selbst zum besten gab. Eines Tages sah er am Jungfernstieg unter dem parkenden Droschkenkutschern ein neues Gesicht. Seit 1836 waren den Droschken feste Standplätze zugewiesen zu denen sie immer wieder zurückkehren mussten. Man traf dort also in der Regel stets die selben Gesichter.

Dieser Neue sollte ihm nun für ein lustigen Einfall herhalten. Mit den alten hätte er nichts unternehmen können, die kannten ihn gar zu genau.Er rief dem Kutscher also zu: „ Nach dem Commercial-Hotel!“ und stieg ein. Das Commercial-Hotel lag an der Ecke der Vorsetzen und des Stubenhuks. Die Fahrt dahin ging über den Neuen Wall. Als nun die Droschke dort über das damals stadtbekannte schlechte Straßenpflaster rumpelte, verließ Kirchhoff, vom Kutscher unbemerkt, den Wagen und begab sich in eine nahe gelegene Kellerwirtschaft. Der ahnungslose Rosslenker aber fuhr weiter und hielt wie gewünscht vor dem Commercial-Hotel. Diensteifrig sprang er vom Bock, riss den Schlag auf und- fand seinen Wagen leer. Aufs höchste verwundert stand er eine Weile vor der offenen Tür und versuchte, den Fall zu begreifen. Als er aber zu keiner Klärung kommen konnte, beschloss er, das Nächstliegende zu tun: erst einmal in den Bierkeller des Hotels zu gehen und sich auf den Schreck hin einen „Schimmel un Brunen“, d.h. einen Kümmel und ein Glas Braunbier zu leisten. Es mochten auch zwei oder drei gewesen sein, ehe er zu dem Entschluss kam, auf seinen Standplatz zurückzukehren. Er bestieg also wieder seinen Kutschbock und die Fahrt ging denselben Weg zurück.

Darauf aber hatte Kirchhoff schon gewartet. In einem Hauseingang stehend, ließ er den Wagen an sich vorbei rumpeln, holte ihn dann mit wenigen Schritten ein und stieg ebenso unbemerkt wieder hinein, wie er ihn verlassen hatte. So kam er mit seiner Droschke alsbald wieder am Jungfernstieg an. Als der Wagen hielt und der Kutscher schon nach der Decke griff, um sie dem Pferd für die Dauer des Wartens auf einen Fahrgast überzuwerfen, riss Kirchhoff das Fenster auf und brüllte ihn an: „ Sünd wi denn nich bald dor?“ Es war gut, das der Kutscher gleich einen Halt an der niedrigen Armlehne seines Kutschbockes fand, er wäre sonst vor Schreck vom Wagen gefallen. Aber Kirchhoff wollte keinen Menschen schädigen. Er bezahlte ihm die doppelte Fahrt, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Der Droschkenkutscher aber soll, also er das Achtschillingsstück in der Hand fühlte, die Finger schnell geschlossen haben. Er traute der Sache doch noch nicht so ganz.War ihm auch der Fahrgast durch irgendwelche Zauberei abhanden gekommen, mit dem Geldstück sollte ihm nicht ein Gleiches passieren. Er erfuhr aber dann von seinem Droschkenkutscherkollegen, wen er da gefahren hatte und dass Übernatürliches nicht im Spiele war. Diese sorgten auch dafür, dass Kirchhoffs neuester Streich alsbald in der ganzen Stadt bekannt wurde.

Ein andermal mussten die Zollbeamten herhalten. Sie hatten gerade neue Instruktionen bekommen, scharf aufzupassen, dass keine Lebensmittel von St. Pauli nach Hamburg hinein geschmuggelt würden. Damit waren aber die Bewohner der Neustadt gar nicht einverstanden, da es ihre Gewohnheit war, ihr Fleisch in St. Pauli einzukaufen, weil es dort billiger war. Unter der Kleidung versteckt, wurde es dann durch den Zoll geschmuggelt, was bis dahin jedermann als sein gutes Recht angesehen hatte. Nun klagten sie laut, dass ihnen diese kleine Schmuggelei wegen der Wachsamkeit der Zollbeamten nicht mehr möglich sei. Davon hörte auch Kirchhoff, und als er einmal wieder an seinem Stammtisch am Zeughausmarkt saß, rühmte er sich, er wolle nicht nur ein Pfund Fleisch, sondern ein ganzes geschlachtetes Kalb zollfrei über die Grenze bringen. Da alle ein solches Unterfangen in dieser Zeit für unmöglich erklärten, schloss Kirchhoff mit ihnen eine Wette ab: eine Mahlzeit Kalbsbraten, wenn es ihnen nicht gelingen werde. Anschließend ging er zu einem Schlachter in St. Pauli, entlieh von ihm ein Sack und steckte den großen Hund des Schlachters hinein. Ein Bursche musste den Sack hinter ihm hertragen und hatte schwer daran zu schleppen. Als sie nun an das Akazienhäuschen am Millerntor kamen, trat ihnen sofort der Zollbeamte entgegen und verlangte, der Sack müsse geöffnet werden. Kirchhoff bedeutete ihm mit freundlichen Worten, es sei ein lebendiger Hund darin, den habe er gekauft und lasse ihn sich nach Hause tragen. Öffnen könne er den Sack nicht der Hund würde herausspringen und zu seinem Herrn zurücklaufen. Der Zollbeamte aber war misstrauisch und bestand darauf, dass der Sack geöffnet werde. Kirchhoff versuchte noch einmal, ihn davon abzubringen, machte ihn auf die zu erwartenden Unkosten aufmerksam, verwies ihn auf die Gefahr, der Hund könnte ihn beißen, da er auf alle Uniformierte nicht gut zu sprechen wäre. Es half alles nichts, der Sack musste geöffnet werden. Kaum war es geschehen, da sprang auch schon der große Hund heraus und lief spornstreichs zu seinem Herrn zurück.

Nun aber hielt Kirchhoff dem Zollbeamten mit vor Erregung zitternder Stimme eine Standpauke, dass dessen Kollegen herantraten, um zu hören, was den da Empörendes vorgefallen wäre. Sie hätten, meinten sie, den Mann mit dem Hund ruhig passieren lassen. Nachdem sich Kirchhoff allen Ärger von der Seele geredet und der Zollbeamte sich etwas kleinlaut anderen Passanten zugewand hatte, verließ Kirchhoff das Tor und ging noch einmal zu seinem Schlachter. Diesmal musste der ein geschlachtetes Kalb in den Sack stecken. Als er nun abermals an das Akzienhäuschen herantrat, empfing ihn der gleiche Zollbeamte. Der hatte offenbar nicht Lust, sich noch einmal mit dem streitbaren Hundeliebhaber anzulegen. Er gab ihm nur einen Wink, und Kirchhoff samt den Burschen mit dem Sack durften das Tor ohne Kontrolle passieren. Als er dann in den „Drei Kronen“ den Sack öffnete und das unverzollte Kalb herausholte, war der Jubel groß und Kirchhoff wieder einmal als Sieger aus einer Wette herausgegangen. Bald prangte ein Kalbsbraten auf dem Tisch. Er ging nicht zu lasten der Verlierer, den Kirchhoff ließ sich seine Popularität schon einmal etwas kosten.

Bald darauf kam es zu einer zweiten Wette. Kirchhoff behauptete, er würde es fertigbringen, in einer Nacht zweimal verhaftet zu werden. Alle wussten, das wer während der Nacht verhaftet wurde, unter allen Umständen bis zum Morgen in Gewahrsam gehalten wurde, um dann dem Vogt oder dem Polizeisenator vorgeführt zu werden. Die Stammtischrunde ging deshalb bereitwilligst auf die Wette ein. Als die Nacht gekommen war und die Wächter die 12 Stunde ausgerufen hatten, ging Kirchhoff aus die Straße und beleidigte den ersten besten Nachtwächter. Der tat, was seines Amtes war, erklärte Kirchhoff für verhaftet und brachte ihn auf die Wache. Nachdem der Fall zu Protokoll genommen war, sollte er für die Nacht eine Zelle beziehen. Als Kirchhoff nun die kahle Pritsche sah, wandte er sich unter Hinweis auf seine Körperfülle an den Wachhabenden, er möge ihm doch gestatten sein Bett aus seinem Hause zu holen, er würde in einer halben Stunde zurück sein. Der Wachhabende war kein Unmensch, zudem war er überzeugt, dass Kirchhoff wiederkommen würde, da er ja jederzeit durch einen Trupp Nachtwächter geholt werden konnte. So durfte denn Kirchhoff die Wache wieder verlassen, um sein Bett zu holen. Im Hause angekommen, packte er sein Bettgestell mit Zubehör auf einen Handwagen und fuhr damit unter beträchtlichen Lärm durch die stillen Straßen. Nun aber war das fahren mit dem Karren und Handwagen sowie der Transport schweren Handgepäcks während der Nachtstunden verboten. Er war noch nicht lange unterwegs, da kamen auch schon zwei Nacht-Wächter daher, die ihn verhafteten. Da er keine Auskunft darüber gab, was er mit seinem Transport vorhatte, lieferten sie ihn auf der gleichen Wache ab, die ihm Urlaub gegeben hatte. Jetzt erst klärte er den Obersten der Wache auf, dass es sich um eine Wette gehandelt hatte und lud ihn ein am nächsten Abend im Einbeckschen Hause an der Einlösung der Wette teilzunehmen. Das versetzte den Obersten in eine so gute Stimmung, dass Kirchhoff gleich wieder mit seinem Handwagen abziehen und die Nacht in seinem Hause zubringen durfte.

In jener Zeit begann sich in Hamburg eine Mäßigkeitsbewegung auszubreiten. Zu ihren Gegnern gehörte auch Vetter Kirchhoff, da er nicht einsehen konnte, wieso ein guter Tropfen dem Menschen schädlich sein sollte. Er blieb aber bei der bloßen Ablehnung nicht stehen, sondern suchte die Enthaltsamskeitsbewegung und ihre Anhänger, wo es nur ging, lächerlich zu machen. Sein Spott richtete sich vor allem gegen den Kornumstecher Ehlers, der damals unermüdlich werbend für die neue Sache tätig war.

Eines Tages sah Kirchhoff im Rinnstein einen völlig betrunkenen Mann liegen. Da hatte er einen Einfall: Mit diesem Opfer des Alkohols wollte er den Kornumstecher Ehlers wieder einmal ärgern. Er rief zwei Gelegenheitsarbeiter heran und erklärte ihnen, dass der Betrunkene so doch nicht liegenbleiben könne. Sie sollten sich eine Schottische Karre holen und den Mann nach dem Kehrwieder zum Kornumstecher Ehlers bringen, er gehöre zu dessen Leuten; der würde schon weiter für ihn sorgen. Da sie diese Fuhre selbstverständlich nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit machen wollten, was er auch gar nicht vorausgesetzt hatte, gab er ihnen 11 Schilling, womit sie zufrieden waren. Die beiden Männer führten ihren Auftrag gewissenhaft aus und lieferten ihre Last auf Ehlers Diele ab. Dieser kam auch gleich an, um zu sehen, was sie ihm da ins Haus gebracht hatten. Als er aber erkannte, was für eine ungewöhnliche Fracht ihm da angerollt worden war und dass er den Menschen noch nie gesehen hatte, machte er seiner Empörung in maßlosen Ausdrücken Luft. Von den beiden betroffen dabeistehenden Männern verlangte er dann, sie sollten den Kerl sofort wieder vom Hof tragen. Diesen war aber unterdessen ein Licht aufgegangen, dass Kirchhoff hier wieder einmal einen Streich vollführt hatte. Damit er aber nicht auf ihre Kosten ging, verlangten sie für den Rücktransport den gleichen Lohn wie für die Anfuhr. Was blieb dem geprellten Ehlers anderes übrig, als nun auch seinerseits 11 Schilling herzugeben, um den Betrunkenen wieder loszuwerden! Andern Tags traf er Kirchhoff an der Börse und sagte ihm die Fopperei auf den Kopf zu. Kirchhoff bestritt nicht, den Transport veranlasst zu haben. Aber, fügte er hinzu, der Mann habe eingesehen, dass sein Rausch ein Unrecht sei und er wolle deshalb in den Mäßigkeitsverein eintreten. Damit nun keine Zeit verlorengehe und der reuige Sünder in seinem Entschluss nicht etwa wieder wankend werde, hätte er ihn sofort zu ihm geschickt

Als Kirchhoff noch in der Blüte der Jahre war, wurde im Steinstraßen-Theater, dem Vorläufer des Thalia-Theaters, ein Stück aufgeführt, in dem er als Bühnenfigur vorkam. Es hieß „Kirchhoff oder Das lustige alte Hamburg, Hamburger Original - Volksposse in acht Bildern von Chr. Bischoff“, ein Stück, das bis 1894 über 200 Aufführungen erlebte. Eines Tages war er selbst im Theater anwesend. Er war mit seinem Double, dem Schauspieler und Komiker Hechner, so zufrieden, dass er ihm am nächsten Tage ein Päckchen schickte, in dem ein Paar mit Brillanten besetzte Knöpfe für das Oberhemd lagen. In einem beigefügten Brief sprach ihm Kirchhoff seine volle Anerkennung für sein Spiel aus, fügte aber hinzu, wenn er ganz echt wirken wolle, dann dürfte er nicht mir imitierten Hemdenknöpfen auf die Bühne kommen. Er schenke ihm die beiliegenden Knöpfe, nur verlange er, dass er sie trüge, wenn er die Kirchhoff Rolle spiele.

Etwa ein halbes Jahr später hatte ein Vorstadttheater das Stück übernommen. Auch eine dieser Aufführungen sah Kirchhoff sich an. Der Schauspieler aber, der hier seine Person vertrat, war ein Stümper. Er hatte Kirchhoff unter den Zuschauern bemerkt und freute sich schon im stillen aus ein großartiges Geschenk, wie es sein Kollege bekommen hatte. In der Tat wurde auch am nächsten Morgen ein Päckchen für ihn abgegeben. Aber wie enttäuscht war er, als darin ein Paar wertloser Imitationen fand! Auch ein Brief von Kirchhoff lag dabei. Darin schrieb er ihm kurz und bündig, sein Spiel sei eine miserable Nachahmung gewesen und dazu passten gerade die Knöpfe, die er ihm anbei überreiche.

Obgleich Kirchhoff bei allen seinen Unternehmungen eine unerschütterliche Ruhe an den Tag legte, war ihm doch nicht recht geheuer zumute, als er zur Bürgerwehr einberufen wurde. Nachdem mit der Besetzung Hamburgs durch die Franzosen um 1810 die Bürgergarde, vielfach Knüppelgarde genannt, aufgelöst worden war, wurde nach dem Aufhören der feindlichen Besatzung die Bürgerwehr ins Leben gerufen. Jeder Hamburger Bürger vom 25. bis zum 45. Lebensjahre musste darin dienen, sich auf eigene Kosten Waffen anschaffen und sich im Winter in einer Reitbahn, im Frühling auf Exerzierplätzen dreimal wöchentlich ausbilden lassen. Umsonst hatte Kirchhoff unter Hinweis auf seinen körperlichen Zustand versucht, vom Dienst freigestellt zu werden. Sein Hauptmann aber, vom Beruf Schneidermeister, glaubt sich nicht berechtigt, eine Ausnahme zu machen. So musste nun Kirchhoff den blauen Rock und die weiße Hose anziehen und sich den schweren Tschako auf den Kopf stülpen. Mit dieser Uniformierung konnte er sich mit einigem gutem Willen noch abfinden, aber die körperlichen Übungen brachten ihn an den Rand der Verzweiflung.

Einer ersten Regung folgend, weil er glaubte, seinen Schneidermeister-Hauptmann verantwortlich machen zu können, suchte er sich an den Schneidern zu rächen. Als einmal alle Schneidermeister in ihrem Amtshause, das gerade von der Kleinen Bäckerstraße nach einem neuem Gebäude in der Filterstraße verlegt worden war, zusammengekommen waren, kaufte er von einem zum Markt fahrenden Bauern ein volles Fuder Heu und ließ es vor der Tür des Schneideramtshauses abladen, so dass niemand heraus gelangen konnte. Dem Bauern hatte er gesagt, wenn er gefragt würde, solle er rufen, das Heu wäre für die Böcke. Als nun die Schneider nach Schluss ihrer Versammlung ihr Amtshaus verlassen wollten, fanden sie den Ausgang durch das Heu versperrt. Da sie einen Bauern dabei stehen sahen, fragten sie ihn, für wen das Heu bestimmt sei, worauf dieser ihnen mit lauter Stimme zurief: „ För de Bück, för de Bück!“ Unter solchen Umständen war Kirchhoffs Hauptmann natürlich nicht gesonnen, ihm irgendwelche Erleichterugen zu gewähren. Da fasste dieser einen folgenschweren Entschluss. Als er eines Tages Posten stehen musste, stellte er sein Gewehr an die Wand und ging davon. Das war Fahnenflucht, er war ein Deserteur. Der Hauptmann meldete den Fall, und so kam Kirchhoff vor das Kriegsgericht. Fahnenflucht galt schon immer also das schwerste Verbrechen, das ein Soldat begehen konnte. Das Gericht musste ihn also zum Tode verurteilen. Da aber kein Krieg war, begnadigte man ihn zu einer Geldstrafe. Kirchhoff war damit nicht einverstanden, er verlangte, erschossen zu werden. Alle Vermittlungsversuche, alle Überredungskunststücke scheiterten. Er blieb dabei, er wollte erschossen werden und nicht bezahlen. Schon nahm die ganze Stadt an diesem Fall Anteil. Jeder war überzeugt, dass man den allseitig beliebten Mann nicht erschießen würde. Aber wie sollte sich der Rat aus dieser Verlegenheit herausziehen? Da fand einer der Ratsherren die Lösung. Kirchhoff hatte wiederholt Eingaben um seine Entlassung gemacht. Sie waren so oft eingelaufen, dass man sie schon gar nicht mehr beantwortet hatte. Nun nahm man eine dieser Eingaben und genehmigte sie unter dem Datum des Eingangs. Somit lag kein Desertieren vor, das Verfahren war also gegenstandslos geworden. Kirchhoff durfte als freier Mann nach Hause gehen.

Nun konnte natürlich der Eindruck entstehen, Kirchhoff sei ein Feigling und Schwächling. Als er wirklich einmal ein Paar solcher Bemerkungen hörte, beschloss er, alle Gerede dieser Art durch eine überzeugende Demonstration ein Ende zu machen. Er bestellte drei Rammer zu sich. Rammer galten als die kräftigsten Leute. Allen dreien gab er ein schönes Stück Geld, dafür sollten sie das tun , was er ihnen auftrug. Sie versprachen, ihre Rolle gut zu spielen und hinterher ewiges Still- schweigen zu bewahren. Am nächsten Tage ging er über die Ellerntorsbrücke, wo das Steinpflaster ausgebessert wurde. Als ihm ein Rammer im Wege stand, trat er auf ihn zu und er versetze ihm eine schallende Ohrfeige. Alle Umstehenden und es gab bei Straßenarbeiten immer viel müßige Zuschauer- glaubten, der Rammer würde sich auf den Schläger stürzen und ihn zu Boden strecken. Aber nichts dergleichen geschah, der Rammer hielt sich Backe wie ein geprügelter Schuljunge. An der Ecke des Küterwalls wurde auch am Straßenpflaster gearbeitet. Wieder trat Kirchhoff auf einen Rammer zu und gab ihn eine Ohrfeige, die nicht von schlechter Herkunft war. Aber auch hier wich der Geschlagene scheu zur Seite, als fürchte er, noch weitere Handreichungen zu bekommen. Das Publikum, das zum Teil schon den ersten Auftritt beigewohnt hatte, staunte auch hier und folgte nun in respektvoller Entfernung, als Kirchhoff seinen Weg fortsetzte. An der Graskellerbrücke sollten sie das selbe Schauspiel noch einmal erleben. Wieder hörte man das Klatschen einer Ohrfeige und wieder machte der Geschlagene keine Anstalten, die ihm angetanen Schimpf zu rächen. Man war überzeugt, die Rammer hätten Angst vor dem starken Kirchhoff, und dieser sorgte dafür, dass sich dieser Beweis seiner Kraft in der ganzen Stadt herumsprach.

Es mag in der Freude über diese dreifache Heldentat gewesen sein es gab aber auch sonst Anlässe genug-,dass Kirchhoff einige gehaltvolle Schoppen über den Durst getrunken hatte. Als er sich dann in seiner gehobenen Stimmung mit behagen einmal über das Kinn strich, merkte er, das er schlecht Rasiert war. Er trat also auf dem Heimweg in den Laden eines Barbiers und ließ sich einseifen. Dabei aber übermannte ihn die Müdigkeit, und er ließ seinen schweren Kopf auf die Brust sinken. Vergeblich versuchte der Barbier seinen Kunden zu ermuntern. Als dieser endlich verstanden hatte, dass er nicht rasiert werden konnte, wenn er den Kopf nicht hebe, entrang sich seiner gepressten Brust: „Denn snied mi de Hoor!“

Dieser Zustand wird keine seltene Ausnahme gewesen sein. Sein Hausknecht hat ihn einmal bedichtet und verrät und einiges über die Lebensweise seines Brotherrn. Er schreibt darin u.a.:

Gliek na dat Fröhstöck drinkt he denn

En Buddel golden Wien,

Ok manchmal twee un dree un veer,

Denn Ordnung mutt doch sien.

Es würde den Raum dieser Abhandlung überschreiten, wollte man alle Kirchhoffschen Streiche, so weit sie literarisch niedergelegt sind, ausführlich erzählen. Es seien deshalb nur noch einige kurz angedeutet.

Als Bürgergardist ließ er sich bei Märschen wegen seiner Beleibtheit einen Stuhl nachtragen und setzte sich darauf, sobald Halt! kommandiert wurde. Das missfiel den Hauptmann, aber es war im Reglement auch nicht ausdrücklich verboten. Als Kirchhoff einmal reichlich viel getrunken hatte, verprügelte er einen Nachtwächter, weil dessen Knarre nicht wie eine Gitarre klang. Dafür musste er acht Tage in der Wache am Großneumarkt absitzen. Für diese Zeit ließ er sich sein Bett in die Zelle bringen und schnallte es sich auf den Rücken, als er sich in der Wache abmelden sollte. Als er wieder einmal eine Haftstrafe abzusitzen hatte, wurde er von zwei Gardisten abgeholt. Auf dem Wege zur Wache kehrte er mit ihnen mehrfach ein und traktierte sie so lange mit Schnäpsen, bis sie kaum noch stehen konnten. So lieferte er sie an der Gänsemarktwache ab.

Ein Kanditat den Heinrich Heine immer „das wandelnde Leiden Christi“ nannte, sollte Kirchhoff zu einem frommen Leben bekehren. Stattdessen führte Kirchhoff ihn in die Genüsse der sündigen Welt ein, so dass er später nicht davon lassen konnte. Der Freiherr v. Maltitz, zu seiner Zeit ein berühmter Dichter, erzählte dem Kirchhoff eine wunderliche Geschichte, in der von einer Geldbörse mit 40 Dukaten die Rede ist, die er am Strand von Neapel verloren hatte. Da er unbedingt darauf besteht, dass Kirchhoff die Geschichte für Wahr hinnehmen soll,erzählt ihm dieser seinerseits eine Geschichte, die der andere ihm auch als Wahr abnehmen müsse: Auf Helgoland sieht er beim Baden eine große Pfahlmuschel schwimmen, lässt sie durch seinen dressierten Seehund heran holen und findet darin die Börse mit 40 Dukaten.

Kirchhoff ärgerte gern seinen Schneider. Einmal bestellte er einen sehr enganliegenden Anzug. Bei der Anprobe hat er sich dreifach Unterzeug angezogen. Der Schneider muss einen neuen anfertigen. Bei der neuen Anprobe hat Kirchhoff alles Unterzeug ausgelassen. Jetzt ist der Anzug viel zu weit. Der Meister muss zum dritten Male dabei. Kirchhoff hat ihn aber alle drei bezahlt.

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