Valentin

Valentin auch Parish genannt, Straßenhändler,

soll bald nach 1850 gestorben sein.

 

Der alte Valentin war ein allen Hamburgern bekannter Mann. Er sah zwar wie ein würdiger, betagter Gelehrter aus, aber seine Tätigkeit beschränkte sich auf den Verkauf von Spazierstöcken, Tabak und Zigarren, kleinen Windmühlen, wie sie Kinder heute noch aus gefaltetem Papier, einer Stecknadel und einem Holzstäbchen herstellen und zierlich aus Holz geschnitzten Hähnchen, die er mit Leim bestrich und dann mit bunten Federn bedeckte. Seinen Stand mit diesem vielseitigen Angebot baute er jeden Morgen aufs Neue an der Lombardsbrücke gegenüber der damals noch stehenden Mühle auf. Hauptabnehmer für Zigarren waren Jugendliche, die für alle Fälle gedeckt durch die nahen Anlagen, bei ihm ihre ersten Rauchversuche unternahmen. Er hatte Verständnis für solche Übungen und reichte seinen halb erwachsenen Kunden aus seiner ständig schwelenden Lunte auch gleich Feuer. Da aber wohl damals schon den Jungen das Rauchen verboten war, wandte er sich dabei stets ab, um nichts gesehen zu haben. Eine Unterhaltung liebte er sowieso nicht, auch nicht mit seiner erwachsenen Kundschaft. Viel lieber schlief er und legte dabei den Kopf rücklings auf das Brückengeländer, wodurch er von der Sonne im Lauf der Jahre gebräunt worden sein soll, dass seine Gesichtshaut wie verräuchertes Leder aussah.

 

Das vornehme Aussehen verdankte er der schwarzen Samtkappe, der großen Hornbrille und dem schwarzen, langen Rock. Jedermann war auch überzeugt, dass er von „besserer“ Abkunft war. Man nannte ihn neben Valentin eben so oft Parish weil man gewiss war dass er ein unehelicher Sohn des reichen, sehr angesehenen Kaufmanns Charles Parish war. Andere wussten es noch romantischer darzustellen: er sei ein echter Parish, sei in seiner Jugend ein rechter Tunichtgut gewesen und habe sich bei seinen leichtsinnigen Streichen eine Lähmung zugezogen. Er war in der Tat auf einer Seite gelähmt. Da seine Eltern nun glaubten, durch einen solchen missratenen Sprössling sei das Ansehen und die Ehre der Familie gefährdet, hätten sie ihn kurzerhand aus der Familie ausgestoßen. In Auszeichnung aus dem alten Hamburg findet sich für ihn auch noch die Benennung „Theseus“. Was er mit diesem großen Helden des griechischen Altertums gemein hatte ist aber nicht überliefert.

 

 

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