Mattler Danneberg
Mattler, Theaterdirektor, gestorben 1857;
Dannenberg,sein Nachfolger, gestorben 1883
Fast alles, was von Mattler erzählt wird, trifft auf Dannenberg zu. Es ist in Hamburg üblich, dass ein Geschäft, wenn es in anderen Händen übergeht, unter der alten Firmenbezeichnung weitergeführt wird. Dabei kann es vorkommen, dass der neue Inhaber mit dem Firmennamen angesprochen wird, ohne dass er den Irrtum richtig stellt. Dieser Tradition mag die Verwechslung der Namen Mattler und Dannenberg zuzuschreiben sein.
Mattler war Direktor eines Marionettentheaters. Solche Puppentheater waren eine bekannte Erscheinung auf allen Jahrmärkten. Mattler aber hatte einen festen Stand, eine Bude, die dem Spielbudenplatz neben einer Menagerie aufgebaut war. Hier spielte er die in allen solchen Theatern üblichen alten Volksstücke, wie „Des Faustens Teufelszwang, Leben und Höllenfahrt“, „Don Juan, der steinerne Gast“ und „Genoveva“. Für regen Besuch sorgte sein Ausrufer Jakob Pijatz, der eigentlich Jakob Abraham hieß und der es verstand, mit hundert Späßen das Publikum anzulocken. Gewöhnlich nannte man ihn „Mattler sein Hahnrider“, weil er eine Zeit lang bei seinen Reden einen als Hahn gestalteten Automaten bestieg. Er soll 11 Sprachen verstanden haben und ist 1851 im 87. Lebensjahre gestorben, nachdem er in der letzten Zeit vor lauter Heiserkeit nur noch mit einer Sprachrohr zur Menge sprechen konnte.
Unter den Besuchern des Theaters waren viele Stammgäste, die alle Stücke kannten und rumorten, wenn einmal ein Arm oder Bein falsch gezogen wurde. Die Männer saßen bei ihrem Grog oder Köm, die Frauen strickten und hatten dabei ihren Kaffee mit Zucker neben sich stehen. Als einmal der Besuch abflaute, kam Mattler auf eine großartige Idee: er ließ seine Tochter auf der Bühne tanzen. Zwei aufgestellte Kandelaber weckten die Illusion eines antiken Tempels. Da das Töchterchen zu dieser Zeit 10 Jahre alt war, wird sie auf dieser Puppenbühne Platz gehabt haben, wenn sie auch riesengroß neben der Dekoration erschien. Der Andrang zu den Vorstellungen nahm wieder zu, die Kasse füllte sich. Der Kummer des Vaters bestand nur darin, dass die Tochter von Jahr zu Jahr wuchs und sich dadurch das Missverhältnis zu der Bühne ständig vergrößerte. Aber der Tanz blieb Attraktion und so tanzte sie noch nach Jahren, als nicht viel mehr als die tanzenden Beine vom Zuschauer aus zu sehen waren. Das Publikum des Hamburger Berges, meist Matrosen, fand auch daran Gefallen. Zeitgenossen berichteten, die Bude habe nach dem Tanz unter dem Beifall gewackelt.
1840 fand auf den Spielbudenplatz eine große Umwälzung statt. Die Polizei befürchtete, die leichten, aus Brettern und Leinwand bestehenden Buden könnten, zumal sie in dichten Reihen standen, eines Tages zu einer Brandkatastrophe führen. Daher mussten alle abgerissen oder feuerfest gemacht werden. Die meisten Unternehmen errichteten feste Gebäude, wodurch die heute noch bestehende Häuserreihe an der Südseite des Spielbudenplatzes entstand. Auch Mattler musste die Bude schließen und sich einen Neubau leisten. Eines Tages, kurz vor der Eröffnung des neuen Hauses, dass er fort ab stolz „Elysium Theater“ nannte, verbreitet sich in St. Pauli das Gerücht: „Se speelt nu mit ornliche, lebennige Menschen.“ Dieses Gerücht wurde zur Tatsache. Am Spielbudenplatz entstand das erste Volkstheater nach Art der großen Bühnen. Bei der Eröffnung war das Theater brechend voll. Zur Feier des Tages brannten 4 Lampen, die aber im Tabaksqualm nicht recht zur Geltung kommen konnten. Im Publikum herrschte große Spannung. Da ein Teil der Requisiten erst nach dem Eingang der ersten Eintrittsgelder beschafft werden konnte, zog sich der Beginn der Vorstellung etwas hin, was aber durch einen kräftigen Rundgesang der Zuschauer überbrückt wurde. Als dann der Vorhang in die Höhe ging, begleitet von vielfachen Rufen „Heuger rop! Wi köönt hier boben nix sehn!“, da trat der erste Schauspieler auf die Bühne, freudig begrüßt von seinen Bekannten: „He Krischan von de Dovidstroot!“. Seine Schauspieler hatte das Elysium Theater frischweg von der Straße engagiert. Als Heldendarsteller aber verpflichtete Mattler Dannenberg, der der Neugründung sofort einen nachhaltigen Aufschwung betrachte. Der eigentliche Besitzer des Theaters war der frühere Polizeioffiziant Johann von Stemm, der auch die Theaterwirtschaft führte. Die Bühnenleitung hatte der Direktor Carl Hoch, der aber Ende der 40er Jahre ausschied und Dannenberg die Direktion überließ. Als Mattler 1857 starb, war das Theater schon auf der Höhe des Erfolges und Dannenberg weit über die Grenzen Hamburgs hinaus berühmt. Dannenberg war ein vielseitiger Mann, begabt, mit einem überaus starken Stimmorgan. Er begann sein Tagewerk als Ausrufer, auch als er längst Theaterchef war. Eine große Glocke schwingend, ging er durch die Straßen und machte bekannt, was ihm aufgetragen war. Gewöhnlich fing er folgendermaßen an:
Heurt Lüüd - In`n Fleet - bi de Slamatjen
brück- liggt en Ewer- hett gode Kantüffeln
Eierkantüffeln - Spint veer Silling
veer Schilling blots dat Spint - ok scheunen
Kohl un gele Wötteln - un noch veel anneres
Slamatjenbrüch - Kantüffeln veer Schilling
Frische Wooaar!
Dann folgte ein Angebot von frischen Schellfischen, billige Zwiebeln, trockenem Torf oder englischen Steinkohlen. Manchmal war ein Hund entlaufen, ein Schmuck verloren oder ein Stück Hausrat vorteilhaft abzugeben.
War seine Runde beendet, dann bot er seine Dienste für allerlei Hilfsarbeiten an: angelieferten Torf in den Kellern zu tragen, Unrat weg zu schaffen oder gar für einen Wohnungswechsel den Umzug zu übernehmen. Bei solchen Arbeiten lief er in blauem Hemd und Manchesterhosen herum, auf den Kopf eine kleine gestrickte Kappe. Aber dann, wenn die Mittagsstunde vorüber war wandelte er sich zum Künstler. Auch als Künstler, als Theatermann, war er von erstaunlicher Vielseitigkeit: Dichter, Regisseur, Dekorationsmaler, Heldendarsteller, Geschäftsführer und Rekommandeur, d.h. der Mann, der unentwegt das Publikum heran lockte und versuchte, es zum Eintritt in sein Theater zu veranlassen. Dabei war er zwar von stattlicher Figur, aber von erschreckender Hässlichkeit, sein Gesicht durch eine breit ausladende Sattelnase entstellt. Große goldene Ohrringe betonten noch diesen Zug ins Breite. Denn Mangel in seiner äußeren Erscheinung wusste er aber durch seine abenteuerliche Kostümierung auszugleichen. Wenn er auf die Rampe hinaustrat, trug er einen aus Samt gefertigten, mit goldenen Tressen benähten Waffenrock über den ein blanker blechner Harnisch geschnallt war. Seine Beine steckten in hohen Reitstiefeln von gelben Leder, seine Hände und Unterarme in gelbe Stulphandschuhen. Ein besonderes Schaustück seiner Ritterrüstung war der riesige Helm mit dem wehenden Federbusch. Dieser prächtige Helm hatte nur eine üble Eigenschaft: bei einer besonders schwungvollen Rede klappte das Visier nach unten und schnitt ihm mitten im Satz das Wort ab. Dannenberg kannte diese Tücken. Mit einer durch hundertfache Übung sicheren Handbewegung schlug er die Klappe zurück und fuhr da fort, wo er soeben infolge höherer Gewalt hatte abbrechen müssen. Der Ritter wäre aber unvollständig angezogen gewesen, wenn er nicht ein blitzendes Schwert sein eigen genannt hätte. Dannenberg wusste es wohl zu schwingen und wurde nicht müde, seine Worte durch schwertblitzende Gesten zu unterstreichen.
In dieser unzweifelhaft wirkungsvollen Aufmachung trat Danneberg vor das Publikum, wenn es galt, seine Bude mit Zuschauern zu füllen. Seine Ansprachen unterschieden sich nicht von denen, die Stimme und Phantasie begabte Rekommandeure heute noch an die vor der Bude sich staunende Menge richten. Es war immer wieder das unwiderruflich letzte Zeichen zum Beginn der Vorstellung. Es war immer wieder die Versicherung, dass keine Mühe und Kosten gespart wären, um gerade diese Vorstellung zu einem glänzenden Ereignis zu machen. Ein beliebter Trick war zu versichern, 20 namhafte Personen hätten ihre Mitwirkung zugesagt oder ein Dutzend berühmter Leute hätte sich für die Vorstellung angemeldet. Als Garantie für die Qualität seiner Leistung bot er Rückzahlung des Eintrittsgeldes an, falls es jemanden nicht gefallen haben sollte. Die Eintrittspreise staffelte er 1.Platz 4 Schillinge, 2.Platz 2 Schillinge und 3.Platz „fast geht es meiner Künstlerehre zu nahe, es auszusprechen nur einen einzigen Schillingen die lumpigen Person“. Wenn sich dann ein Strom Neugieriger in das Innere des Theaters ergossen hatte manchmal war es auch nur ein Rinnsal, dann stellte er fest, ob es sich schon lohne. Waren die kunstlos zusammengeschlagene Bänke noch nicht genügend besetzt, so trat er wieder auf die Rampe hinaus und begann seinen Redeschwall von neuem, bis er endlich genügend Publikum beisammen hatte.
Raum beherrschend waren in den Nachmittagsvorstellungen die Jungen. Sie füllten Reihe bei Reihe die Galerie. War aber die Verdunklung eingetreten, so schlich sich einer nach dem anderen an die Brüstung und rutschte an den Stangen, die die Galerie trugen, ins Parkett hinunter. Die Plätze unter der Galerie waren meistens unbesetzt, da sich niemand gern auf den Kopf spucken ließ. War die Vorstellung zu Ende und das Theater geräumt, pflegte die Aufseherin oder Dannenberg selbst durch die Bankreihen zu gehen und mit einem Knüppel unter den Sitzen entlang zu streichen, da es immer wieder Jungen versuchten, ohne erneuter Zahlung des Eintrittsgeldes in den Genuss einer weiteren Vorstellung zukommen.
Wenn es Dannenberg schien, dass eine Vorstellung nicht all zu gut besucht würde, dann ließ er so zwischendurch auch einige seiner jugendlichen Dreilings Abonnenten ohne Eintrittsgeld durch schlüpfen. So kamen drei Jungen an und der erste drückte ihm einen Dreiling in die Hand, während die beiden Begleiter als Freigäste sich durch mogelten. „Wo hest du dat Geld för de beiden annern?“fauchte Dannenberg dann den einen an. Aber der Junge war nicht auf den Kopf gefallen. Er sah ihm furchtlos ins Gesicht und antwortete: „Ik heff man enen Dreeling mitkregen un sall op miene Bröder oppassen. Un webb wi dree för den dreeling nich rinkoomt, denn süll wi wedder to Huus gohn un dat Geld wedder mitbringen“. Diese Zumutung, den Dreiling wieder herauszugeben, wenn er sich nicht auf den Handel einließ, überstieg die Widerstandskraft Dannebergs. Er ließ die drei Jungen hinein.
Eine Zeit lang hatte er sich als Rekommandeur einen Mann engagiert, der nicht anders als Swonenhals genannt wurde. Schwanenhals galt als die „Schönheit von St. Pauli“, womit man seine Eitelkeit, die sich in seiner Kleidung und seinen Bewegungen offenbarte, verspotten wollte. Er trug nämlich einen Samtrock und dazu im Sommer einen weiße, stets frisch gebügelte Hose, die er im Winter mit einer eleganten schwarzen vertauschte. Sein übermäßig lang aus dem Körper herausragender Hals wurde auf dem Samtrock durch einen großen weißen Klappkragen eingefasst. Die etwa zu kurzen Ärmel waren durch weit hervorstehende Manschetten verlängert, die er täglich neu aus einem Bogen Papier zu schnitt. Es lässt sich nicht leugnen, dass Swonenhals seinem Herrn und Meister in der Anziehungskraft für das Publikum in nichts nach stand. Leider wurde er ihm später durch die besser zahlende Konkurrenz abspenstig gemacht.
Für musikalische Einlagen stand links vom Souffleur ein gebrechliches Spinett bereit. Wenn Dannenberg auf seinem Theaterzettel angekündigt hatte „Doppelt besetztes Manschester!“, dann wirkte auch noch eine jammernde Violine mit oder auch eine asthmatische Harmonika. Bei der chronischen Disharmonie des Spinetts fiel es weiter nicht auf, wenn die Jungen von der Galerie dem Kasten durch mehr oder minder gut gezieltes Werfen von Kastanien und Falläpfel zusätzliche Töne entlockten.
Im übrigen war der Personalbestand nicht weiter erwähnenswert. Die Gagen wurden auf Grund eines Teilungssytems berechnet. Dannenberg bekam von der Einnahme 3 Teile und zwar einen Teil als Besitzer des Theaters und der Kostüme, einen Teil als Direktor und ein dritten Teil als Darsteller. Der Regisseur, falls er mitgewirkt hatte, bekam 2 Teile. Schauspieler ersten Ranges bezogen 1 Teil, zweitrangige einen halben Teil, Vertreter kleiner Rollen und Statisten arbeiteten nur für die Spesen. Dann war da aber noch die ebenso resolut wie beliebte Gattin des Direktors. Sie schenkte während der Vorstellung Bier und Schnaps aus und bekam zu ihrem Gewinn noch 2 Teile von den Einnahmen des Theaters. Da bei Zugstücken das Theater oftmals so gefüllt war, dass die Zuschauer auch noch auf Treppenstufen saßen und den Gängen standen, ist anzunehmen, dass zuweilen auch einmal Schauspieler mit bekannten Namen im Elysium Theater auftraten.
Für gewöhnlich aber spielte Dannenberg möglichst alle Hauptrollen selbst. Er richtete seine Stücke eben so ein, dass die Helden nacheinander auf die Bühne standen. Dass er mit seinem „Personal“ nicht immer sanft verfuhr, zeigt ein Zwischenfall, der seinerzeit viel belacht wurde. Dannenberg hatte in seinem Drama „Donauweibchen“ einen Zweikampf mit einem Bären zu bestehen. Schon hatte er ihm mehrere wirkungsvolle Stiche mit der Lanze versetzt, da holte er zum letzten und damit tödlichen Stoß aus. In diesen Augenblick richtet sich der Bär noch einmal in ganzer Länge auf, riss sich den Kopfmaske ab und schrie: „Du verdrehte Schinner! Meenst du, dat ik mi för veer Schilling den ganzen Dag dat Lief tweisteken loten will?“
Die Bühnendekoration war eine Patentlösung: Der Hintergrund war Wald, die Kulissen stellten ein Zimmer da. Ein paar Setzstücke taten das übrige. Entsprechend einfach war auch die Kostümierung. Da Dannenberg mit Vorliebe Ritterstücke aufführte, war er selbst für diese von vornherein richtig angezogen. Für seine Schauspieler kam er meistens mit ein paar Helmen und Mützen aus, im übrigen traten sie in „Zivil“ auf.
Gespielt wurde alles, was Erfolg versprach, vom Räuberstück bis zum klassischen Drama: „Schinderhannes“, „Ingemar der Bluthund“, „Die Räuber auf Marie Kulm“, „Das Totengericht um Mitternacht“, aber auch „Das Käthchen von Heilbronn“ , „Die Jungfrau von Orleans“, „Wilhelm Tell“, „Hamlet“, „Othello“. Daneben spielte er selbst verfasste Stücke, die meistens auf Geschehnisse der damaligen Zeit zurückgingen, wie „Der Mond am Gartenzaun“. Ein Glanzstück war der „Freischütz“. Auf Blitz und Donner in der Wolfsschlucht verstand man sich auch ohne große Technik. Als Geist rüstete Frau Direktor eine lebensgroße Puppe mit ihrer Nachtjacke und ihrer Haube aus. Die wilde Jagd markierten Affen und Bären, wozu das ganze Personal sich verkleiden musste. In der Titelrolle aber glänzte Dannenberg und wusste seine Zuschauer völlig in seinen Bann zu schlagen.
In der Gestaltung aller aufgegriffenen Stoffe war Dannenberg über die Maßen großzügig. Er stand auf dem Standpunkt, dass seine Gäste in ¾ Stunden für das bezahlte Eintrittsgeld genug gesehen hatte und dass andere, die noch draußen, doch auch einmal hinein wollten. Darum strich er alles auf sein Normalmaß zusammen und verkündete in seinen Anschlägen stolz: „Gekürzt und verbessert“. Zwar ging dabei oft der Zusammenhang der Handlung verloren. Für Dannenberg waren aber die Einzelszenen die Hauptsache und damit traf er den Geschmack seines Publikums.
Das Publikum war überhaupt maßgebend. Es ging mit, als erlebte er die Handlung in Wirklichkeit. Wenn er hinter der Bühne einen Mord beging, von dem man zwar nur die Schreie seines Opfers, das Krachen der brechenden Knochen gehört hatte, so musste er sich wenn er wieder auf die Bühne kam, die gröbsten Verwünschungen gefallen lassen. Am tollsten aber soll es gewesen sein, als er einmal mit einem prächtigen Hund über die Bühne ging und dann wie es das Manuskript verlangte Geräusche ertönen ließ, als ob er den Hund hinter den Kulissen umbrachte. Bei seinem Wiederauftreten fand die Empörung keine Grenzen. Andererseits fand er auch große Anerkennung, wenn er eine Unschuld rettete, einem Bösewicht das Handwerk legte oder als tapferer Held seine Geliebte in seine Arme schloss. Dann gab es wohl, wie ein Zeitgenosse berichtet, große Kränze mit den Namen der Spenderinnen und kleine Geschenke, wie Hosenträger, wollene Strümpfe, Oberhemden, Tücher und sogar Mettwürste, wovon das meiste auf die Bühne geworfen wurde. Auch wenn es nicht gerade beim Aktschluss geschah, wurde es gleich aufgesammelt und oft mit einem „Dank ok veelmals! Hest nich noch mehr?“ quittiert. So ist es kein Wunder, dass Dannenberg bereit war, auf alle Wünsche des Publikums einzugehen. Einmal soll er auch auf Drängen der Zuschauer Goethe dahin „verbessert“ haben, dass Faust dem Gretchen die Ehe versprechen musste.
Dannenbergs Publikum bestand außer Jugendlichen in erster Linie aus Matrosen, wandernde Handwerksgesellen und jungen Leuten aus dem Kaufmanns Beruf. Für sie war der Besuch des Hamburger Berges immer ein Erlebnis. Aber auch biedere Bürger bis hinauf zu den gebildeten Kreisen wollen nicht darauf verzichten, sich von Zeit zu Zeit einmal bei Dannenberg zu amüsieren. Dieses Amüsement boten nicht so sehr die Stücke, sondern der Reiz eines Besuchs im Mattlertheater lag vor allem in der Art und Weise, wie Bühne und Publikum miteinander verkehrten. Ehe die Vorstellung begann, trat der Kapellmeister des Hauses an ein ziemlich abgespieltes Klavier und fragte die Anwesenden: „Wat sall ik för enen opspeeln?“ Anregungen kamen meistens von der Galerie, wo man als dann mit zusingen pflegte. Manchmal brachte auch ein alter Seebär oder sonst ein Stammgast dem Kapellmeister ein Glas Grog und sagte: „Da mien Lütten, drink man mol een un denn speel mol O Hannes, wat´n Hoot! oder Hest Lebberwurst nich sehen?“, worauf das ganze Haus begeistert der Anregung folgte.
Dieses gemütliche Miteinander bestand auch während der Vorstellung. Das Publikum spielte mit, wenn es von der Handlung gepackt wurde, oder es unterhielt sich, wenn es sich langweilte. Wurde diese Unterhaltung zu laut geführt, so trat Dannenberg, seine Rolle unterbrechend, an die Rampe und rief: „Wenn ji nich ruhig sein wüllt, denn holl ik eenfach op to speeln!“ Da man wusste, dass er mit seiner Drohung Ernst machen würde, reif man ihm zu: „Nee speel man to! Wi sünd jo al ganz ruhig“. Dann nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Auch mit kritischen Äußerungen wusste er fertig zu werden. In einem rührseligen Stück traten einmal vier Kinder als Sprösslinge derselben Familie auf: Sie waren alle vier gleich groß und anscheinend auch vom gleichen Alter. Nach einer Weile rief ein Zuschauer: „De Göörn sünd jo all egool oolt“. Dannenberg überhörte den Zuruf. Als aber ein zweiter Zuschauer wiederholte: „De Kinner hebbt woll all densülbigen Dag Geburtstag?“, da schwoll ihm der Kamm. Er unterbrach sich und rief dem Kritiker zu: „Jo, du Dööskopp, dat sünd all veer Dwillings. Ik will di glieks mol jemmer Dööpschiens wisen. Teutmann noch twee Minuten ik koom glieks no di röber!“
Solange es seitens der Zuschauer bei Worten blieb, war sein Zorn nur gespielt. Aber bei Tätlichkeiten konnte er sich wirklich aufregen. So spielt man eines Abends Schillers „Räuber“. Amalie lag erschossen auf der Bühne, dem Publikum zugewandt. Auf einmal springt die Tote auf und verschwindet hinter den Kulissen; Dannenberg, der den alten Moor spielte, ihr nach. Wenig später kam er wieder heraus und sprach mit bebender Stimme: „De mien Amalje den Swatten mang de Titten smeten hett, de sall sik melln. Ik will em en Gratisvörstellung geben!“ Die Miene, die er dabei auf setzte, genügte dem Täter in aller Eile von seinem Platz zu verschwinden.
Solche und ähnliche Vorkommnisse bildeten natürlich oft den Gesprächsgegenstand in der Stadt. Einige brachten sie zu Papier, und so sind manche Erinnerungen an das Mattlertheater auf uns gekommen. Jemand, der ständig Gast im Elysiumtheater gewesen war, erzählt uns z.B. folgendes Erlebnis: Man spielt „Faust“. 1 Akt „Faust im Quesenkeller“. Faust kommt im Straßenanzug auf die Bühne, eine Gitarre auf den Rücken. Rechts und links sitzt an Einzeltischen ein Dutzend Gäste bei Schnapsgläsern. Faust fängt mit ihnen einen Streit an und wird hinausgeworfen. 2 Akt „Faust im Himmel“. Faust treibt unglaublichen Ulk mit Jupiter und den anderen Göttern. 3 Akt „Faust in der Hölle“. Die Bühne erscheint rot in bengalischer Beleuchtung, kleine Teufel tänzeln herum. Faust wieder mit der Gitarre, tritt ein und wischt sich mit beiden Rockärmeln den Schweiß von der Stirn. Dazu sagte er: Diese Hitze! Pfui Deibel , was ist das hier heiß!“ Da ertönt eine Stimme auf der Galerie: „Hier boben ok!“ Faust wirft einen empörten Blick nach oben und ruft dem Störenfried zu: „Heuermol to, mien Jung, hier schräg öben, dor wohnt en Slachter, de hett´n Iskeller. Goh man gau mol röber un keuhl dinen Sprietkopp en beten af!“ Dann geht die Handlung weiter. Mephisto erscheint und spricht: „Auf dich, du Satansbraten, haben wir schon gewartet. Hinunter mit dir in den tiefsten Höllenpfuhl! Aber warte, mein Junge, deine Brille kannst du mir noch verehren!“ Dabei nimmt er ihm die große Gelehrtenbrille, die ja bei dem Hinauswurf beschädigt werden könnte, von der Nase und stößt den unglücklichen Faust dann ins Fegefeuer.
Dieses Eingehen auf die Wünsche des Publikums war übrigens in Hamburg nichts Neues. Auf der Schusterherberge am Gänsemarkt gastierte einmal eine Truppe, die mit ihren Marionetten das damals auf Märkten und in Herbergen immer wieder aufgeführte Stück „Die öffentliche Enthauptung des Fräuleins Dorothea“ spielte. Nachdem die Leiden dieser Dorothea gehörig bejammert und die Späße des Hanswurstes ausgiebig belacht waren, ging die Enthauptung unter Trommelwirbel und Fanfarenstößen vor sich. Sie gelang so gut, dass die Zuschauer stürmisch eine Wiederholung der Szene verlangten. Der Manager war kein Spielverderber. Das Haupt der unglücklichen Dorothea wurde wieder angeheftet und die Absäbelung ging ein zweites Mal in Szene.
Die Handlung lag bei Dannenberg nicht fest. Man konnte dasselbe Stück in verschiedenen Fassungen erleben. Textbücher gab es nicht. Wusste einer in seiner Rolle nicht weiter, so folgte er irgendeinem Einfall, dem sich die anderen dann notgedrungen anpassen mussten. Dadurch zog das Stück dann manchmal über Gebühr in die Länge, weil man den richtigen Dreh zum vorgesehenen Abschluss nicht gewinnen konnte. Das war bedenklich, wenn die Zeit der Torsperre gekommen war. So hatte es, als man ein Drama vom Königsmord spielte, schon zweimal am Millerntor geläutet. Es war höchste Zeit, die Vorstellung zu beenden. Aber die Handlung ging unentwegt weiter. Dannenberg stand schon eine Weile nervös am Ausgang. Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten und rief zur Bühne hinüber: „Mookt to, mook to! Dat hett al tweemol lüüdt!“ Von der Bühne aber rief einer zurück: „De Keunig is noch nicht doot!“ Das war es ja eben, was Dannenberg so erregte und daher seine kategorisch Anweisung: „Denn pett em in´n Mors!“
Das gute Einvernehmen zwischen Bühne und Publikum erkannte man auch nach der Vorstellung. Da sah man oft die Schauspieler als Fürsten, Ritter oder Räuber mit Leuten aus dem Publikum an der Theaterschenke stehen. Bier wurde damals wenig getrunken, man trank Grog und manchmal Mimen tat der Trunk gut als Stärkung für die als bald beginnende nächste Vorstellung. Die Bezahlung war natürlich den Kunstfreunden aus dem Publikum überlassen. Die aus wenigen Schillingen bestehenden Gagen, die noch dazu von Dannenberg meistens verspätet gezahlt wurden, damit ihm seine Schauspieler nicht davon liefen, reichten nur für den notwendigsten Lebensunterhalt. Kredit aber wurde von Frau Dannenberg nicht gewährt.
Die Presse und die Theatergeschichte nahmen von der Existenz des Elysium Theaters keine Notiz. Für sie war es nach wie vor eine Dombude und stand auf einer Stufe mit dem Tingeltangel. Nur einmal brachte eine Hamburger Zeitung ein lobendes Wort über die markige Spielweise des Direktors und das verständnisvolle Zusammenwirken der Schauspieler. Man sollte meinen, dass Dannenberg ob dieser Anerkennung seiner Leistungen aufs höchste erfreut gewesen wäre. Aber er stürzte sofort in die Räume der Redaktion und legte lauten Protest ein. Verständnislos starrte der Redakteur ihn an und wagte nur schüchtern einzuwenden, er hätte doch sein Theater als Kunstinstitut anerkannt und seine Aufführungen gelobt. Aber Dannenberg fuhr ihm dazwischen: seine Leute hätten den Schmierkram gelesen und würden nun kommen und eine Erhöhung der Gage verlangen.
1860 trat für St. Pauli abermals ein großer Wandel ein. Mit dem 31. Dezember wurde die Torsperre aufgehoben. Bis dahin musste alles, was sich draußen vergnügt hatte, bei Dunkelwerden in die Stadt zurückkehren. Wer sich verspätete, musste bezahlen und diese Aufgabe wurde allgemein als sehr unangenehm empfunden. Der frühe Torschluss hatte bewirkt, dass alle Darbietungen auf St. Pauli Tagesveranstaltungen waren. Als nun aber jeder nach Hause gehen konnte, wann es ihm beliebte und man sogar wochentags nach getaner Arbeit noch seinen Vergnügen nachgehen konnte, hatte die Geburtsstunde für das Nachtleben St. Pauli geschlagen. Nun entstanden in den festen Gebäuden am Spielbudenplatz Singspielhallen, große Bierlokale, Weinstuben, richtige Theater und Varietes. Solcher Konkurrenz war Dannenberg mit seiner von zwei, bei Galavorstellungen von vier Lampen erhellten Bühne nicht gewachsen. Der Besuch ging nun von Jahr zu Jahr zurück. Noch einmal schien die alte Anziehungskraft sich wieder einzustellen, als Dannenberg das Mord und Schauerstück „Timm Tode“ das von einem 1866 geschehenen Mord im Dorf Groß Kampen in Dithmarschen handelte, aufführte. Vater, Mutter, vier Brüder, die Schwester eine Magd wurden von dem Mörder Tode mit einer Handspake erschlagen und Haus und Scheune in Brand gesteckt.
Das war ein Stoff für Dannenberg, bei dem das Gruseln kein Ende nahm. Bei dem starken Andrang gelang es, das Stück in drei Wochen 80 mal über die Bretter gehen zu lassen, wobei der erbarmungslos geplagte Hauptdarsteller 80 mal die Guillotine besteigen musste. Es entstand daraus ein Streit, in dem dieser Schauspieler als „Held“ die tarifliche von 12 Schilling für jede Vorstellung verlangte, während Dannenberg nur die einem „Intriganten“ zustehende 8 Schilling bezahlen wollte. Man einigte sich schließlich auf 10 Schilling. Dannenberg fand das Vorgehen des Schauspielers empörend. Für ihn war es eine Auflehnung gegen seine Autorität. Als es nun immer wieder vor kam, dass an der Kasse Gruppen von jungen Menschen erschienen und forderten „soß Mann för veer Schilling“, da erkannte er, dass sein Theater nicht mehr für voll eingeschätzt wurde. So kam es, dass er, ein Theatermann aus Leidenschaft, der in 28 Jahren mit seiner Bühne eine Sehenswürdigkeit Hamburgs geworden war, 1868 Konkurs anmelden und die Pforten seines Kunsttempels schließen musste. Das Gebäude wurde zur Vogtschen Singspielhalle umgebaut. Dannenberg zog sich notgedrungen ins Privatleben zurück. Wir begegnen ihm noch einmal 1871 wieder, als der Volkssänger Christian Hansen sein 40 jähriges Dichterjubiläum feierte und bei dieser Gelegenheit in einer Veranstaltung das „alte Hamburg“ wieder erstehen lässt. Da muss Dannenberg dabei sein und einst „Schulln, Schulln, Schellfisch un Steenbütt“ als Ausrufer anpreisen. Das war der späte Dank dafür, dass das Elysium Theater Hansens Stück „Ein Hamburger als Ehestifter“ 100 mal aufgeführt hatte. Danach trat Danneberg noch einige Male bei besonderen Gelegenheiten als Ansager im Concordia Etablissement auf. Das Theater hatte ihm keine Reichtümer eingebracht. Überschüsse der guten Zeit waren in den Jahren des Rückgangs aufgezehrt worden. Nun musste er zusehen, wie er seine siebenköpfige Familie durch brachte. Wenn nicht andere Arbeit zu erhalten war, brachte er Räucherfisch der Fischhandlung Carl Hagenbeck an die Kundschaft oder hütete die Hagenbeckschen Kinder. Die Familie Hagenbeck wohnte im gleichen Haus wie er in der Lincolnstraße, St. Pauli. Als Dannenberg 1883 starb, kamen die Seinen in große Not, dass die beiden jüngsten Mädchen ins Waisenhaus gegeben werden mussten.