Hamburger Köksch
Wo ist sie geblieben, die Hamburger Köksch oder Lüttmaid, die aus gebrochenem Herzen die Suppe versalzte und die Milch anbrennen ließ? Mit ihrer weißen Spitzenhaube im Blondhaar, mit den kurzen, gepufften Ärmeln ihres hellen, gestärkten Kattunkleides, mit sauberer Schürze, weiße Strümpfen und schwarzen, spangenlosen Schuhen, den Henkelkorb am roten, spröden Arm, so sah man sie morgens zum Bäcker, Schlachter, Krämer jagen oder auch nicht jagen, denn nur ihre Arme waren spröde, ihre Zunge war es nicht. Wo sich unterwegs eine Gelegenheit bot, wurde ein Klönschnack mitgenommen, dessen Dauer sich jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung entzog. Diese und einige andere Untugenden hinderten nicht, dass die Hamburger ihre lieben Köchinnen mit Wohlgefallen nachblickten.
Lütt Greten dient bei einem alten Ehepaar. Sie ist schlank, hübsch und schnippisch, lässt die Scheuerfrau bis abends zehn Uhr „klein“ nimmt die Herrschaft von der komischen und die Liebe von der ernsten Seite. Wie alle Köchinnen hat sie Liebeskummer. Der Wassereimer bekommen es zu fühlen. Er wird mit Fußtritten behandelt, was bisher das Vorrecht der vorwitzigen Dackelhündin Walli gewesen war. Kochtöpfe und Herdringe fliegen bis die Töpfe wie von Beulenpest geplagt aussehen. Wenn Grete durch das Herdfeuer zu doppelter Glut entfachen mit dem Schnürhaken hantiert, ist es ratsam, ihr nur mit vollendeten Umgangsformen zu nahe. Was ihren Rudolf betrifft, so hat er sich ihr seit zwei Wochen nicht mehr genähert, seit jenen Abend nämlich, als sie ihn mit der rothaarigen Lina in Ahrens Tanzlokal überraschte. Der Undankbare, ohne Geld in der Tasche, ohne Achternflieck an den Schuhen war er ihr begegnet. Aus Mitleid hatte sie sein Hemd gewaschen, ihm ihre Ersparnisse geopfert, ihn mit Aalsuppe und Klößen den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Der Lump! Er hat ihre Liebe verraten, ihre Gutmütigkeit missbraucht. Er soll ihre Rache kennen lernen!
Die Teilnahme an solchen Herzensnöten darf nicht dazu führen, die weiße Spitzenhaube der Küchenfee mit einem Heiligenschein zu verwechseln. Auch die Köksch ist eine echte Evatochter, der es Freude macht, einen schmachtenden Liebhaber wie eine Laus zu knicken, einen besonders hellen Verehrer hinters Licht zu führen und einem Don Juan von der Wasserkante zu beweisen, dass es nicht nur unter den Vierfüßlern Geweihträger gibt.
Das Mannsvolk betreffend, so wirft Göttin Eris seinetwegen oft ihren Zankapfel unter die Liesen, Lenen, Gusten und Kathrinen. Einig hingegen sind sich alle Köchinnen und Kleinmädchen, wenn sie am Bündeltag um den großen Tisch der Mädchenvermieterin sitzen und in Erwartung der neuen Herrschaft die Alten verlästern, denn am Bündeltag wechseln die Mädchen ihre Wäschebündel am Arm die Stellung. Das geschieht nicht immer reibungslos. Als Kathrin an einen solchen Tag die Wohnstube betrat, um Adieu zu sagen und mit einen Knicks vor den Hausherrn ausgezählten Lohn entgegen zunehmen, war Madame dazwischengetreten , eine Reihe zerschlagender Schüsseln, Tassen, Töpfe herzählend, die dem armen Ding von Verdienst abgezogen werden sollte. „Lat se lopen! endet der Hausherr den Wortstreit. Gah Se mit Gott un föhr Se sick good up“. „Maak Se , dat Se wegkommt!“ herrschte Madame. Der fünfzehnjährige junge Herr flüsterte traurig: „Adschüs Katrin! wofür ihm ein dankbarer Blick aus Wimpern dunklen Augen belohnte“.
Ihr Bündel im Arm, der Koffer sollte einige Tage später abgeholt werden , war Kathrin auf die Straße geeilt und nun sitzt sie am Tisch der Mädchenvermieterin, sich an Kaffee, Zuckerkringel und ihrem Redestrom labend. „Gottlob , dat ick ut den Deenst bün! De Herr is een Slapmütz un dörffnix seggen, Madame is een Dübel, Mamsell een hochmödig Ding, un Musje is noch to lüttj.
Trina beschwert sich, ihre Madame habe ihr vorgeworfen, sie sei auf Kerls erpicht: Lena rühmte sich, ihren Schatz ins Haus geschmuggelt zu haben, worauf die alte Kupplerin von Mädvermedersch bedeutsame Winke für eine zeitgemäße Köchinnen - Moral gibt. Keine kluge Deern dürfte mehr für ihr Aussehen sparen. Das Geld sei nötiger für Seidenhüte, Kaschmirschals, Tüllkleider, Stöckelschuhe. Denkt nicht an Morgen, das Denken macht hässlich! Kein Wunder, dass die hungrigen Mäuslein sich durch solchen Speck fangen lassen und zu allen bereit Arm in Arm nach Ahrens abziehen. Im Tanzsaal schlendern schon viele frische junge Mädchen mit ihren Bündeln auf und ab, die blendend weiße Haube auf den blonden Scheite, das zierliche Liebliche vom besten Kattun, die schwarze, kunstvoll ausgezackte Taffetschürze vor dem Faltenrock. Mit den Gefährtinnen plaudernd spähte sie heimlich nach einem „Chapean“ der sie zum Tanzen führen, mit einem Glas Punsch bewirten und zum Schluss ihre Bündel nach Hause tragen soll.
Während die neue Madame ungeduldig die Straße hinunter späht und wegen der Verspätung bereits den ersten Zorn in sich aufsteigend fühlt, lässt sich die Köksch bei Ahrens ein Mettwurstrundstück schmecken, bis sie nach einen Blick auf die Uhr ihres Verehrers mit einem Schrei auffährt, von ihm begleitet den Saal entschwebt und mit der neuen Stellung neue Leiden und neue Freuden auf sich nimmt.
HAMBURGER AALSUPPE
Wohlauf , wackre Hausfrau, wasch ab den Aal
und schlag ihm das Fell um die Ohren.
Mit Weißwein wird das leckere Mal
in kurzer Brühe geboren.
Auch Lorbeer Blätter, zwei oder drei,
tun treffliche Dienste dir dabei.
Bereite dann Birnen als Kompott
und vergiss nicht, mit Zimt sie zu würzen.
Wer kochen will wie ein junger Gott,
der muss sich in Unkosten stürzen.
Zum Schinken kochen nimm Sellerie,
nimm Wurzeln und hack zu würfeln sie.
Von bester Butter ein gutes Stück
zusammen mit Mehl sollst du schwitze.
Halt mit den Pflaumen auch nicht zurück
und fülle mit Pfeffer die Ritzen.
Durch Sauerampfer und Salbei
pikanter noch wird das Allerlei.
Nimm Porreeblätter und Portulak,
auch Erbsen sind zu entschoten.
durch Zutaten von Kräuter entsteht
ein Geschmack, den niemand
bis heute überboten.
Und kommt die Terrine dann
auf den Tisch, erhebt sich ein
Jubel gar mörderisch!
