Aalweber
J.J. Weber, genannt Aalweber, Straßenhändler,
geboren etwa 1790, gestorben in der Nacht
von 23. auf den 24. August 1854 an einem Schlaganfall.
Aalweber war ein Mann mit doppeltem Geschäft: am Vormittag handelte er mit Bürsten, am Nachmittag und Abend mit geräucherten Aalen. Sein Bürstenhandel betrieb er mit einer Karre, die er mit viel Phantasie heraus geputzt hatte. Nach einer Zeichnung bestand sie im Unterbau aus einer Schiebkarre,auf der eine große Platte befestigt war. Beim Anpreisen seiner Ware offenbart sich ein seltsames Talent. Er sprach alles in gereimten Versen. Ein Beispiel ist uns aufbewahrt, das zugleich seine Warenliste enthält:
Allerhand Waar. von de Kaar!
Kaufen Sie ein Klein` Reinmacherstock
für Ihren neuen Winterrock!
Glanzbürsten und Wichsbürsten! Mamsell von´Saal,
kommen Sie doch schnell mal bendal!
Was hat der Mann zu Kauf?
Bürsten hat der Mann zu Kauf!
Nehmen Sie eine mit rauf
oder`n Schwanz von die kleine arabische Pferd,
ist unter Brüdern 4 Schillinge wert.
Nach einer anderen Aufzeichnung pries er seine Waren mit folgenden Worten an:
Der Weber ist da! Der Weber ist da!
Kommt nun alle her von fern und nah!
Die Bürsten sind alle Patent Ware
und halten an die hundert Jahre.
Dann folgte in Prosa eine rhetorische Frage, die er immer wieder ein warf und die zum geflügelten Wort in Hamburg wurde:
Haben Sie´s bemerkt meine Herren?
Hatte er einen um sich versammelt, so erging er sich in Einzelansprachen, etwa so:
Zu einen jungen Mädchen:
Hier, mein klein Deern, scheuer die Stube rein,
un denn lass man deinen Bräutgam ein!
Zu einem Jüngling:
Dor hest´n Bost, Jan segg ok Dank,
gab na Huus un putz dien Stebel blank!
Zu einer Köksch:
Mein lüttje Madamm, Ihr Kaufen ehrt mich sehr,
woll´n Sie nich noch`n büschen mehr?
Zu einer Dame:
Gnädje Frau, n Besen zum Fegen woll`n Sie haben?
Da ist er! Nu tun Sie Ihre Augen dran laben!
Er sprach es nicht wie auswendig gelerntes Gedicht. Er reimte, wie es ihm einfiel, und seine Anpreisungen rissen nicht ab. Dabei soll er alles mit grölender Stimme gesungen haben, aber so laut, dass man ihn, wie ein Zeitgenosse bezeugt, noch in dem höchsten Dachkämmerchen hören konnte.
In einem Gedicht jener Zeit, das das Leben auf den Straßen Hamburgs beschreibt, heißt es:
Jeder röppt sein Kraam nu ut,
Petersill un Suppenkruut,
Schellfisch mit gemaalte Keben,
alles wat ju deit beleben.
Auch sehr schöne Bürstenwaar
bietet euch Herr Weber dar.
Der Übergang ins Hochdeutsch, sobald von Aalweber die Rede ist und die Titulierung „Herr“ sind nicht zufällig. Aalweber war, wenn er auch in einer Schrift aus jenen Tagen spöttisch der „geräucherte Aalhändler“ genannte wird, ein feiner Mann, wenigstens bemühte er sich, dafür zu gelten, was ihm ja,wie das obrige Gedicht beweist, gelungen ist. Diesen „besseren Herren“ kehrte er vollends am Abend heraus.
Da erschien er in heller Jacke, roter Weste mit blanken Metall knöpfen, blau und weiß gestreifter Hose und einem hohen, hellen Zylinder, dessen Farbe die gleiche war wie die der Jacke. In dieser Aufmachung ging er von Lokal zu Lokal. Gewöhnlich führte er zwei Körbe mit sich. Wenn er die weiße Serviette aufhob, sah man darin kunstvoll gebündelte geräucherte Aale. Wenn die gute Zeit des Aalfangs war, besuchte er auch wohl schon nachmittags Haus nach Haus und bot seine Ware für den Abendtisch an. Manchmal verkaufte er daneben auch das damals so beliebte Störfleisch.
Um seine Aal-Kunden aufmerksam zu machen, zog er, wie es damals in Hamburg üblich war, rufend durch die Straßen. Wenn er sein „Smuttool“ Smuttool! ertönen ließ wusste jeder Bescheid, und wer nicht zu den Kunden gehörte, zu denen er regelmäßig ins Haus kam, der trat auf die Straße, um die gute Einkaufmöglichkeit nicht zu verpassen. Aber da gab es kein Aussuchen. Man sagte, in welcher Preislage man kaufen wollte, etwa für 2,3 oder 4 Schillinge, dann bekam man von ihm die Ware zugeteilt. Fragen,ob die Aale auch frisch geräuchert sein, nahm er als persönliche Beleidigung. Sie brachten die Gefahr mit sich, dass man überhaupt keine Aale bekam. Er war der Herr J.J. Weber, von dem bedient zu werden, ein Entgegenkommen bedeutet. So empfindlich war er auch, wenn er gerade Schluss gemacht hatte und dann noch jemand etwas kaufen wollte. Dann konnte er wohl eine Kundin anfahren: „Kannst nicht to rechte Tiet kamen? Bün ick dien Hansnarr?“ Man musste schon gut bei ihm angeschrieben sein, um dann noch bedient zu werden.
Aber der bei seinem ambulanten Handel erzielte Umsatz bedeutet ein nichts gegenüber der Menge, die er an Markttagen verkaufte. Zu seiner Zeit hatte Hamburg noch den Lämmermarkt, der auf einem freien Platz vor dem Steintor, auf dem seit 1869 das große Gebäude des Museums für Kunst und Gewerbe steht, abgehalten wurde. Hier war am Freitag vor Pfingsten ein Leben und Treiben wie an den besten Domtagen. Die Verkaufsbuden zogen sich auch die Kirchenallee hinunter, und hier, nahe der Steindammecke, hatte Aalweber seine Bude aufgeschlagen. Da stand er neben seiner korpulenten oder, wie ein Zeitgenosse sagt, „wohlbehäbigen“ Frau, und beide konnten kaum die sich drängende Käuferschar befriedigen. Leute, die ihn dort in seiner Glanzzeit erlebt haben, berichten, dass er ein höchst origineller Kauz gewesen sei. Allein schon durch seine drolligen, manchmal beißenden Witzen, die er in trockener, gleichsam unbeteiligter Manier vor trug, habe er ständig ein größeres Publikum an seinem Stand versammelt gehabt. Es entsprach der allgemeinen verbreiteten Ansicht, dass einer, der nicht Spickaal und Möllnischen-Zwieback bei Aalweber gekauft und anschließend im Gedränge verzehrt hatte, gar nicht richtig zu Markt gewesen wäre. Auch an den vier Markttagen in Altona, auf dem Eimsbüttler und dem Eppendorfer Markt sowie an den Markttagen in Wandsbek mit seiner Bude vertreten.
Nur einmal soll ein Markttag mit einem vollen Misserfolg geendet haben. Und das kam so: Aalweber liebt es, seiner Meinung ungeschminkt Ausdruck zu verleihen. Da er sehr solide lebte, konnte er Menschen,die sich betranken, nicht leiden. Zu denen, die ihm öfter schwer bezecht begegneten, wenn er frühmorgens mit seiner Karre los zog, gehörte auch Krischan Piepenbrinck. Als der nun einmal glaubte, sich über Aalweber lustig machen zu können, putzte dieser ihm auf offener Straße so herunter, dass er wie ein geprügelter Hund nach Hause schlich. Diese Zurechtweisung konnte er den Aalhändler nicht vergessen, sann vielmehr ständig auf Rache. Nun war einmal wieder Lämmermarkt, und Aalweber hatte wie immer seine Bude an der Kirchenallee aufgeschlagen. Als aber der erste Käufer herzhaft in einen Aal hinein biß, spuckte er das abgebissene Stück entsetzt wieder aus. Ebenso erging es anderen Käufern. Schon entwickelte sich ein heftiger Streit, da Aalweber nicht zugeben wollte, dass seine Ware schlecht sei. Endlich entschloss er sich, selbst einmal in einen Aal hineinzubeißen. Da musste er feststellen, dass seine Ware tatsächlich verdorben war, sie schmeckte nach Brennöl, das man damals in den Trankrüseln brannte. Es musste schon jemand die Aale damit übergossen haben. Der Täter wurde nicht ermittelt, aber jeder war überzeugt, dass ihm Krischan Piepenbrinck diesen Streich gespielt hatte. Das Geschäft war für diesmal aus. Aalweber hielt seine Bude geschlossen und war auch für die nächsten Tage unsichtbar. Es dauerte Monate, bis er sein altes Ansehen wiedergewonnen hatte. Dann aber war der Zwischenfall vergessen, und Aalweber war wieder der Mann, ohne den ein Jahrmarkt nicht denkbar war. Wohl keine Schilderung alt Hamburgischen Lebens in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geht an diesem Original vorüber, ohne es eine der Stadt bekanntesten Gestalten zu erwähnen.
Nach all diesen geschäftlichen Erfolgen muss es überraschen, dass er gegen Ende seines Lebens Aufnahme im Werk- und Armenhause fand. Er war so arm, dass Freunde eine Sammlung veranstalteten, um ihn mit Tabak zu versorgen. Wie es zu dieser Mittellosigkeit gekommen ist, weshalb ihn sogar seine Kinder in Stich gelassen haben, darüber ist nichts bekannt. Er starb im gleichen Jahr wie Hummel. Auch Aalweber ist schon zu seinen Lebzeiten als Volkstümliche Figur auf die Bühne gebracht worden.
Das Steinstraßen – Theater spielte 1835 die Posse „ Gustav oder der Maskenball“, in der einer der Schauspieler den Aalweber darstellte. Es ist bezeichnend für die Geschäftstüchtigkeit Aalwebers, dass er dazu seine Original Karre mit den Bürsten, Besen und Stöcke an die Bühne auslieh. Das Stück erlebte schon im ersten Jahre 150 Aufführungen und eroberte sich danach auch noch viele andere Bühnen. Allerdings ging dieser Erfolg nicht auf Aalweber zurück, seine Person und seine Karre dienten nur als Lokalkolorit.
Von der Volkstümlichkeit Aalwebers zeugte auch, dass er als Hamburger Type bis heute lebendig geblieben ist. Im Laufe des ganzen, seinem Tode folgenden Jahrhunderts fanden sich immer wieder Leute, die als Aalhändler die bekannte Gestalt Aalwebers nachahmten, wobei die rote Weste und der weiße Zylinder die Hauptrolle spielten. Es ist anzunehmen, dass auch Aalweber eine solche Aufmachung schon als zugkräftig erkannt hatte, weshalb man hinter seiner Originalität wohl mehr den tüchtigen Geschäftsmann als den Sonderling zu sehen hat. Immerhin ist seine Gestalt so stark in das Bewusstsein der Hamburger eingegangen, dass bei allen mit Aufmärschen und Umzügen verbundenen lokalen Veranstaltungen neben Hummel ein Aalweber nicht gut fehlen darf.
