Hummel
Hummel
Wilhelm Benz, geboren 1786, angeblich als unehrlicher
Sohn der Anna Maria Toaspern, später
verehelichten Benz, von Beruf Wasserhändler,
gestorben 15. März 1854.
Die Geschichte Hummels, dem wir tausendfach in der Reklame und auf Andenken an Hamburg begegnen, fängt schon komisch an: dieser Mann, der wie eine wandelnde Krämerwaage aussieht, hieß gar nicht Hummel; er hieß Benz, Wilhelm Benz. Um zu verstehen, wie aus dem Benz ein Hummel wurde, muss erst einmal ein alter Standsoldat namens Hummel vorgestellt werden. Daniel Christian Hummel wohnte nach seiner Verabschiedung im Hofe des Hauses Drehbahn 36. Man nannte damals diese Hinterhäuser den Kleinen Wüppermannschen Hof. Hummel soll klein und etwas dicklich gewesen sein und trug, wenn er seinen täglichen Spaziergang über den Wall machte, immer noch den roten Rock seiner ehemaligen Artilleristenuniform. Dabei schmückte er sich gern mit einem Orden, der ihm wohl beim Abgang für treue Dienste verliehen worden war. Wenn auch die Erwachsenen nicht groß von ihm Notiz nahmen, so wusste er sich doch bei der Jugend beliebt zu machen, indem er gern von seinen Kriegserlebnissen erzählte. Da er bei Abschluss der letzten kriegerischen Handlungen in und um Hamburg aber erst 19. Jahre alt gewesen war, wird er wohl Anleihen bei älteren Kameraden gemacht haben. Das nahm die Jugend jedoch nicht so genau. Sie sah in ihm einen Kriegshelden und er war stolz, bei seinen Mitmenschen, wenn auch nur den jugendlichen, noch etwas zu bedeuten.
Jugend die einander auf der Straße begegnen, pflegen sich als Ersatz für eine wortreiche Begrüßung mit dem Namen anzurufen, eine Grußform, die auch heute noch in unserer Gegend vielfach üblich ist. Der Ausruf „Hummel!“ war also nichts Besonderes In der Verdoppelung, die rhythmisch einen Wohlklang darstellt, wird der erst den Mangel eines Vornamens ausgeglichen haben. Möglicherweise wollte man auch den Anruf, der mit dem dumpfen „u“ nicht viel Schallkraft hat, verstärken. Hummel wandte sich dann dem Rufenden zu und quittierte mit einem fröhlichen Winken. Dieses gute Verhältnis hielt an, bis der Stadtsoldat a. D. Erkrankte, ins Lohmühlenkrankenhaus eingeliefert wurde und im alter von 41 Jahren starb. Begraben wurde er auf dem Gelände vor der Schwanenbucht, wo vor dem letzten Kriege noch zwei verlassene Grabsteine standen, vor denen aber keiner, nach Ausweis der Jahreszahlen 1780 bzw.1820, zu seinem Gedächtnis gesetzt war.
Sein Tod mag im Familienkreis keine schmerzliche Lücke hinterlassen haben, da von seiner Witwe nicht gerade Rühmenswertes erzählt wird. Aber die Jugend seines Wohnbezirks vermisste ihn. Jugend rufen gern einem Erwachsenen, der ihnen in irgendeiner Weise auffällt, etwas nach, erinnert sei nur an das „Utl - Utl“, womit sie aus sicherer Entfernung jeden aufkreuzenden Schutzmann damals Konstabler genannt zu begrüßen pflegten, ein Brauch, der aus er Zeit der Nachtwächter, allgemein die Ulen (Eulen) genannt, überkommen war.
Nun wollte es der Zufall, dass bald nach dem Abscheiden Hummels ein neuer Mieter im Hof Drehbahn 26 einzog, der Wasserträger Wilhelm Benz. Es wäre besser, „Wasserhändler“ zu sage, denn Wasser musste damals Eimerweise bezahlt werden. In Hamburg bestanden zu jener Zeit ungleiche Wasserverhältnisse. In den auf der Geest gelegenen Teilen der Stadt konnte man in üblicher Weise einen Brunnen graben. Drang man aber in den niedrig gelegenen Teilen in den Boden ein, so kam man ins Drängwasser der Elbe, das schmutzig und ungenießbar war. Auch der Entnahme des Wassers aus dem Fleet war längst abgekommen. Statt dessen hatte man schon im 16. Jahrhundert angefangen, Wasserleitungen anzulegen. Am Elbabhang auf Altonaer Gebiet und an den höher gelegenen Stellen der nächsten Umgebung gab es gute Quellen, deren Wasser man in Holzröhren in die Stadt leitete und damit Brunnen füllte. So gab es u. a. Eine Feldbrunnenleitung „vor dem Dammtor" das Dammtor stand damals noch am Jungfernstieg-, die 1531 angelegt worden war. Sie entnahm ihr Wasser den Quellen am oberen Ende der Drehbahnen und leitete es in Brunnen, die längst der Linie Dammtorstraße - Jungfernstieg - Gröningerstraße lagen. Einer dieser Brunnen stand auf dem Gänsemarkt und war 1793 als hübsches, turmartiges Gebäude neu errichtet worden. Es war bis 1860 in Betrieb. An diesem Brunnen konnte die Hausfrauen zu bestimmten Tagesstunden das benötigte Wasser kaufen. Von hier bezog auch Wilhelm Benz das Trinkwasser, als Großabnehmer natürlich zu verbilligtem Preise. Wollten die Hausfrauen zum Wäschewaschen weiches Wasser verwenden, so lief Benz unverdrossen zur Alster, füllte seine Eimer an der Ecke des Neuen Jungfernstieges, wo damals schon eine Treppe zum Wasser hinunter führte und schleppte von dort das Gewünschte seinen Kundinnen ins Haus. Da das Altwasser nichts kostete, war immerhin ein kleiner Profit dabei. Die Arbeit war gewiss mühsam, aber sie nährte ihren Mann. Es gab in Hamburg noch mehrere Vertreter dieses Gewerbes, von denen einer namens Krohn 98 Jahre alt geworden sein soll.
Nachdem Benz durch den Wasserverkauf zu einigen, wenn auch nur bescheidenen Mitteln gekommen war, wurde er ein lebenslustiger junger Mann, der gern vor sich her sang und mit seien Eimern als leichten Gepäck tänzelnd durch die Straßen zog. Als er dann durch den Tod des Vaters eine Erbschaft, bestehend aus einer goldenen Tabaksdose und einigem Geld, bekam, glaubte er etwas Rechtes darzustellen, lächelte allen vorübergehenden Schönen zu und verliebte sich ernstlich in eine Schenkmamsell. Sobald er sich mit ihr verlobt hatte, übergab er ihr die wertvolle Tabaksdose und händigte ihr das Geld aus, damit sie die nötigen Anschaffungen für den künftigen Hausstand besorge. Aber sein Vertrauen wurde schnöde missbraucht.
Die Schenkmamsell ging mit einem Seemann durch und vergaß, ihm Dose und Geld zurückzugeben. Diese Enttäuschung war für das einfache Gemüt des jungen Mannes zu viel. Er wurde trübsinnig und verbittert. Ein kleiner Ärger konnte ihn zu maßlosem Zorn reizen.
In dieser seelischen Verfassung zog er in den Hof Drehbahn 36, wo sie Erinnerung an den alten Stadtsoldaten noch nicht erloschen war. Auch dieser neue Einwohner war eine auffällige Erscheinung: Lang und dürr, schweigsam und leicht reizbar, dazu in eng anliegenden Zeug, das allerdings für seinen Beruf das einzig Richtige war. Der Hohe Hut und die geschulterte Last immer gleich bleibend, gestraffte Haltung trugen wesentlich dazu bei Ihn, als eine komische Figur anzusehen. Das galt vor allem für die ihm bald ihre besondere Aufmerksamkeit widmeten. Und da sich ein Name gar leichter auf einen Nachfolger übertragen lässt, wenn dieser wie jener etwas Originelles an sich hat, so wird es nicht lange gedauert haben, bis ihm das erste Mal ein Hummel - Hummel nach gerufen wurde. Es wäre wohl dabei geblieben, wenn Wilhelm Benz den Zuruf der Jungen nicht beachtet hätte. Sie hätten wahrscheinlich ihren Spaß daran bald verloren und Hamburg wäre nie zu seinem „Schlachtruf“ gekommen. Aber Benz ärgerte sich darüber und musste seinen Ärger irgendwie Luft machen. Die Eimer absetzen und den Jungen nachlaufen, war nicht ratsam, sie wären wohl bald außer Reichweite gewesen. Mit einem Stein oder einem Stück Holz zu werfen, wäre auch verfehlt gewesen, da sie meistens aus sicherer Deckung vorgingen. So blieb ihm denn nur sein Mundwerk und er gebrauchte es, wie es jeder Lastträger, Kutscher, Ewerführer und Speicherarbeiter zu brauchen pflegten, wenn ihm etwas zugemutet wird, was gegen seine Standesehre geht. Der Unanständige war eben der, der diesen Ausbruch hervorrief.
Man sollte meinen, Wilhelm Benz hätte es gemerkt, dass er durch seine stets gleiche Antwort die Straßenjungen immer aufs neue zum Anruf veranlasst, dass es für sie zu einer Art Sport wurde, diese Antwort herauszufordern. Offenbar gehörte er doch zu den geistig Schwachen. Dafür spricht auch eine Geschichte, die eine Kapitänsfrau namens Hupfer aus einer persönlichen Erinnerung erzählt hat: Benz hatte in einem Hause zwei Eimer Wasser abzuliefern, den einen unten in der „Bude“, den anderen oben auf den „Saal“, wie man damals die Wohnräume benannte. Nachdem er der unten wohnenden Frau das Wasser in die Küche getragen hat und sein Geld erhalten hatte, stellte er den leeren Eimer an die Treppe und stieg nach oben. Dort nahm man ihm auch den Inhalt des zweiten Eimers ab und er wollte gerade die Treppe wieder hinuntersteigen, da sah er zu seinem Entsetzen, dass sich unten ein kleines Mädchen auf den leeren Eimer gesetzt hatte und ihn offen sichtlich zu einem anderen Zweck benutzte. Vor lauter Verwünschungen polterte er die Stufen hinunter und war gerade im Begriff, dem Mädchen eine handgreifliche Lehre zu erteilen, als auch schon die Mutter die Tür aufriß und ihr Kind in sichere Obhut nahm. Den aufgeregten Benz aber wusste sie im Augenblick zu beruhigen, indem sie ihm einen Dreiling in die Hand drückte. Er verzog, schon ganz versöhnt, sein Gesicht zu einem Grinsen und meinte dann treuherzig: „Wenn Sie mi nu noch enen Dreeling geben doof, Madamm, denn droff sik de lüttje Deern ok noch mol op den Ammer setten!“ Von seiner Harmlosigkeit, um nicht zu sagen Einfältigkeit, zeugt auch die folgende Geschichte: Benz glückte es zuweilen doch, einen der ihn ärgernden Straßenjungen zu erwischen. Dann konnte es vorkommen, dass der Vater des Verprügelten sich bei der Polizei beschwerte. Die Folge war, dass Benz vor geladen wurde. Solche Fälle erledigte gewöhnlich der Polizei Senator selbst. Als dieser nun den armen Sünder gehörig abgekanzelt hatte und der von den harten Worten sichtbar Gestrafte sich geknickt zur Tür wandte, da empfand der hohe Herr doch ein menschliches Rühren und glaubte, ihm noch ein kleines Zeichen freundlichen Verständnisses mit auf den Heimweg geben zu sollen. Am besten war schon, nach dem Ernst der Verhandlung durch einen kleinen Scherz die Angelegenheit wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Deshalb rief er Ihm, als Benz schon nach der Türklinke griff, zu : Na, denn Hummel - Hummel! Benz mochte noch ganz unter dem Eindruck der Standpauke gestanden haben, so dass er den Übergang von der Strenge zur Milde nicht gemerkt hatte. Er war noch wie abwesend, als er sich umdrehte und halb seiner Gewohnheit folgend, halb noch von Respekt erfüllt, antwortete: „Mors, Mors, Herr Senator!“
1884 wurde die Wasserkunst in Rothenburgsort in Betrieb genommen. Wenn auch nicht gleich jede Wohnung eine Wasserleitung bekam, so doch jedes Haus oder mindestens jeder Hof. Damit aber war dem Geschäft der Wasserhändler die Grundlage entzogen. Auch der Kundenkreis Benzens wurde kleiner und kleiner. Schließlich reichten seine Einnahmen zu seinem Unterhalt nicht mehr aus. Er stand mittellos da. Aus dieser Not befreite ihn 1853 die Aufnahme in das neu eröffnete Werk und Armenhaus. Ein Jahr war ihm noch vergönnt, sich vom täglichen Kampf mit den Straßenjungen zu erholen, dann starb er. Da die Drehbahn zum Michaelisfriedhof vor dem Dammtor, einen Teil der jetzigen Anlage “Planten un Blohmen“ an der Straße „Bei der Kirchhöfen“ begraben. Als Mittelloser wurde er auf Kosten der Stadt beerdigt, bekam also sozusagen ein Staatsbegräbnis, was ihm angesichts seiner Bedeutung wohl zu gönnen war. Aber den Bestimmungen gemäß lieferte der Staat nur einen platten Sarg, eine Kiste, die allgemein als „Nasenquetscher“ bezeichnet wurde.
Wenn Wilhelm Benz auch sang und klanglos abgetreten war, so lebten doch der Hummelruf und seine Antwort weiter. Ja, sie waren schon zu Benzenz Lebzeiten bei den Hamburgern Allgemein geworden. Sie nahm den Ruf mit, wenn sie in die fremde zogen, wo er ihnen zum Bilde der Heimat gehörte wie die Fleete, die Speicher, Jungfernstieg und der Dom. Dafür haben wir einen untrüglichen Beweis in einer Geschichte, die von dem Auftreten des Schauspielers Rethwisch in New - York berichtete. Rethwisch, dem Ensemble des Steinstraße, später Thaliatheaters angehörend, gab drüben ein Gastspiel im Deutschen Theater. Als das Stück zu Ende war und rauschender Beifall einsetzte, mischten sich einige Hummel - Hummel Rufe in die begeisterten Äußerungen, die alsbald von allen Hamburgern und schließlich, weil so etwas ansteckend wirkt, von allen Anwesenden aufgenommen wurden. Mit jeden Aufgehen des Vorhangs wurde der Ruf stärker, bis der ganze Zuschauerraum von dem tosenden Humel-Humel! Erfüllt war. Damals hing der gebührende Antwort wohl doch noch der Makel der Unanständigkeit an und Retwisch konnte es nicht wagen, die erwarteten Worte in den Saal zu schmettern. Aber er wusste sich glänzend aus der Verlegenheit zu ziehen. Als schon der Eiserne langsam herunter glitt, trat er ein letztes Mal an die Rampe, drehte sich um, dass er dem Publikum den Rücken zukehrte, zog den Rockschöße auseinander und machte eine tiefe Verbeugung. Die kleine Kunstmannsche Plastik am Memelhaus im ehemaligen Gängeviertel wiederholt, auf einen Straßenjungen übertragen, diese sprechende Geste.
Nach dem Ende 1860 die Torsperre aufgehoben worden war, entstanden am Spielbudenplatz Theaterunternehmungen, von denen einige die Hamburger Lokalposse pflegten. Das waren in erster Linie das Carl Schultze - Theater, später Ernst-Drucker und jetzt St. Pauli - Theater genannt. Es gab dort Stücke, die mehr als 400 mal gespielt wurden. Im letztgenannten ging auch eine Posse über die Bretter, die die Gestalt Hummels in den Mittelpunkt stellte. Solche Stücke brachten Redensarten unter die Leute, die z.T. Heute noch gebräuchlich sind. So erfuhr auch der Hummelruf eine weitreichende Belebung. Später sollen allerdings besonders die Butenhamburger ihn gehegt und gepflegt haben, bis er im 1 Weltkriege wieder Allgemeingut und gleichsam zu einem Ausweis jedes Hamburgers wurde. Zu seiner Verbreitung über ganz Deutschland trug auch wesentlich das HH in der Kennnummer der Hamburger Autos bei. Nach dem 2. Weltkriege sollen in einem Gefangenenlager einige Hamburger einmal den Plan gefasst haben, festzustellen, wie viele Landsleute wohl unter den 20.000 Lagerinsassen sein. Sie gingen von Baracke zu Baracke, von Zelt zu Zelt und ließen überall ein kräftiges Hummel - Hummel! Erschallen, worauf gewiss kein Hamburger die Antwort schuldig blieb. In kurzer Zeit hatten sie ihrer 400 festgestellt und zusammengeführt.
Ähnliche Geschichten werden in Mengen erzähl. So fuhren einmal ein paar Hamburger Studenten der Münchener Universität in einem Ruderboot über den Starnberger See. Man hatte ihnen gesagt, an einer bestimmten Stelle müssten sie zu einem Schloss hinüber rufen, da käme ein überraschend klares Echo zurück. Als sie diese Stelle erreicht zu haben glaubten, schickten sie im Chor einen Hummelruf übers Wasser. Man sollte meinen, es konnte doch nur ein Hummel - Hummel! zurück kommen. Diese Antwort aber kam nicht, da die richtige Stelle im See noch gar nicht erreicht hatten. Statt dessen aber gelangte von einer Frauenstimme ein waschechtes Mors - Mors! Als Echo zurück. Es kam aus einer neben dem Schloss liegenden Villa die von Hamburgern bewohnt war. Die junge Frau war gerade auf den Balkon hinaus getreten, Hatte den Ruf gehört und instinktiv darauf geantwortet. Natürlich wurde sofort der Kurs des Bootes geändert. Es folgte eine gemütliche Kaffeestunde und ein stimmungsvoller Abend auf der Terrasse, worauf sich eine jahrelange Freundschaft entwickelte. Ein solcher Anruf als Erkennungszeichen ist einmalig. Auch alle rheinischen Städte mit ihren Karnevals rufen können mit Hamburg nicht konkurrieren. Kein Wunder, dass man in dieser Hinsicht auf Hamburg neidisch wurde. Wie gern hätte Mölln ein Wort von Eulenspiegel auf seinen Schild geschrieben! Aber kein Eulenspiegel, kein Tünnes, kein Nante und kein Hias hat einen schlagkräftigen Ausspruch hinterlassen. Einmal haben die Schleswig-Holsteiner, die ja im weiteren Binnenlande oft mit den Hamburgern zusammengeworfen werden, ihrem Ärger Luft gemacht. Bei einer Sportveranstaltung zogen zuerst die Hamburger in das Spielfeld ein. Dem Ruf „Hummel - Hummel!“ folgte ein Vielstimmiges „Mors - Mors!“ Dann kamen die Schleswig - Holsteiner. Das Publikum meinte, auch sie mit Hummel - Hummel! Begrüßen zu können. Das aber war ein Schlag gegen den Stolz der Schleswig - Holsteiner. Sie fassten festen Tritt und antworteten im Rhythmus ihrer Schritt:
Wir sind aus Sleswig-Holstein
ji köönt uns fix an`n Mors klein`n!
Es war ein jahrzehntelanger Wunsch vieler Hamburger, die Gestalt Hummels in einen Denkmal der Nachwelt zu vermitteln. Dieser Wunsch fand endlich seine Erfüllung, als in einer Feierstunde am 18. September 1938 an der Ecke Rademacher und Breithergang, mitten im ehemaligen Gänseviertel, das Humeldenkmal enthüllt wurde. Der „Verein geborener Hamburger“ hatten in mühsamer Vorarbeit die Mittel aufgebracht, der Bildhauer Kuöhl hatte die bei aller Derbheit der Vorlage anmutige Gruppe geschaffen und der Hamburger Senat sie in seine Obhut übernommen. Wenn die Bomber des 2 Weltkrieges auch die Reste des Gänseviertels fast ganz unbeschädigt davongekommen.
Aalweber
Aalweber
J.J. Weber, genannt Aalweber, Straßenhändler,
geboren etwa 1790, gestorben in der Nacht
von 23. auf den 24. August 1854 an einem Schlaganfall.
Aalweber war ein Mann mit doppeltem Geschäft: am Vormittag handelte er mit Bürsten, am Nachmittag und Abend mit geräucherten Aalen. Sein Bürstenhandel betrieb er mit einer Karre, die er mit viel Phantasie heraus geputzt hatte. Nach einer Zeichnung bestand sie im Unterbau aus einer Schiebkarre,auf der eine große Platte befestigt war. Beim Anpreisen seiner Ware offenbart sich ein seltsames Talent. Er sprach alles in gereimten Versen. Ein Beispiel ist uns aufbewahrt, das zugleich seine Warenliste enthält:
Allerhand Waar. von de Kaar!
Kaufen Sie ein Klein` Reinmacherstock
für Ihren neuen Winterrock!
Glanzbürsten und Wichsbürsten! Mamsell von´Saal,
kommen Sie doch schnell mal bendal!
Was hat der Mann zu Kauf?
Bürsten hat der Mann zu Kauf!
Nehmen Sie eine mit rauf
oder`n Schwanz von die kleine arabische Pferd,
ist unter Brüdern 4 Schillinge wert.
Nach einer anderen Aufzeichnung pries er seine Waren mit folgenden Worten an:
Der Weber ist da! Der Weber ist da!
Kommt nun alle her von fern und nah!
Die Bürsten sind alle Patent Ware
und halten an die hundert Jahre.
Dann folgte in Prosa eine rhetorische Frage, die er immer wieder ein warf und die zum geflügelten Wort in Hamburg wurde:
Haben Sie´s bemerkt meine Herren?
Hatte er einen um sich versammelt, so erging er sich in Einzelansprachen, etwa so:
Zu einen jungen Mädchen:
Hier, mein klein Deern, scheuer die Stube rein,
un denn lass man deinen Bräutgam ein!
Zu einem Jüngling:
Dor hest´n Bost, Jan segg ok Dank,
gab na Huus un putz dien Stebel blank!
Zu einer Köksch:
Mein lüttje Madamm, Ihr Kaufen ehrt mich sehr,
woll´n Sie nich noch`n büschen mehr?
Zu einer Dame:
Gnädje Frau, n Besen zum Fegen woll`n Sie haben?
Da ist er! Nu tun Sie Ihre Augen dran laben!
Er sprach es nicht wie auswendig gelerntes Gedicht. Er reimte, wie es ihm einfiel, und seine Anpreisungen rissen nicht ab. Dabei soll er alles mit grölender Stimme gesungen haben, aber so laut, dass man ihn, wie ein Zeitgenosse bezeugt, noch in dem höchsten Dachkämmerchen hören konnte.
In einem Gedicht jener Zeit, das das Leben auf den Straßen Hamburgs beschreibt, heißt es:
Jeder röppt sein Kraam nu ut,
Petersill un Suppenkruut,
Schellfisch mit gemaalte Keben,
alles wat ju deit beleben.
Auch sehr schöne Bürstenwaar
bietet euch Herr Weber dar.
Der Übergang ins Hochdeutsch, sobald von Aalweber die rede ist und die Titulierung „Herr“ sind nicht zufällig. Aalweber war, wenn er auch in einer Schrift aus jenen Tagen spöttisch der „geräucherte Aalhändler“ genannte wird, ein feiner Mann, wenigstens bemühte er sich, dafür zu gelten, was ihm ja,wie das obrige Gedicht beweist, gelungen ist. Diesen „besseren Herren“ kehrte er vollends am Abend heraus.
Da erschien er in heller Jacke, roter Weste mit blanken Metall knöpfen, blau und weiß gestreifter Hose und einem hohen, hellen Zylinder, dessen Farbe die gleiche war wie die der Jacke. In dieser Aufmachung ging er von Lokal zu Lokal. Gewöhnlich führte er zwei Körbe mit sich. Wenn er die weiße Serviette aufhob, sah man darin kunstvoll gebündelte geräucherte Aale. Wenn die gute Zeit des Aalfangs war, besuchte er auch wohl schon nachmittags Haus nach Haus und bot seine Ware für den Abendtisch an. Manchmal verkaufte er daneben auch das damals so beliebte Störfleisch.
Um seine Aal-Kunden aufmerksam zu machen, zog er, wie es damals in Hamburg üblich war, rufend durch die Straßen. Wenn er sein „Smuttool“ Smuttool! Ertönen ließ wusste jeder Bescheid, und wer nicht zu den Kunden gehörte, zu denen er regelmäßig ins Haus kam, der trat auf die Straße, um die gute Einkaufmöglichkeit nicht zu verpassen. Aber da gab es kein Aussuchen. Man sagte, in welcher Preislage man kaufen wollte, etwa für 2, 3 oder 4 Schillinge, dann bekam man von ihm die Ware zugeteilt. Fragen, ob die Aale auch frisch geräuchert sein, nahm er als persönliche Beleidigung. Sie brachten die Gefahr mit sich, dass man überhaupt keine Aale bekam. Er war der Herr J.J. Weber, von dem bedient zu werden, ein Entgegenkommen bedeutet. So empfindlich war er auch, wenn er gerade Schluss gemacht hatte und dann noch jemand etwas kaufen wollte. Dann konnte er wohl einen Kundin anfahre: „Kannst nicht to rechte Tiet kamen? Bün ick dien Hansnarr?“ Man musste schon gut bei ihm angeschrieben sein, um dann noch bedient zu werden.
Aber der bei seinem ambulanten Handel erzielte Umsatz bedeutet ein nichts gegenüber der Menge, die er an Markttagen verkaufte. Zu seiner Zeit hatte Hamburg noch den Lämmermarkt, der auf einem freien Platz vor dem Steintor, auf dem seit 1869 das große Gebäude des Museums für Kunst und Gewerbe steht, abgehalten wurde. Hier war am Freitag vor Pfingsten ein Leben und Treiben wie an den besten Domtagen. Die Verkaufsbuden zogen sich auch die Kirchenallee hinunter, und hier, nahe der Steindammecke, hatte Aalweber seine Bude aufgeschlagen. Da stand er neben seiner korpulenten oder, wie ein Zeitgenosse sagt, „wohlbehäbigen“ Frau, und beide konnten kaum die sich drängende Käuferschar befriedigen. Leute, die ihn dort in seiner Glanzzeit erlebt haben, berichten, dass er ein höchst origineller Kauz gewesen sei. Allein schon durch seine drolligen, manchmal beißenden Witzen, die er in trockener, gleichsam unbeteiligter Manier vor trug, habe er ständig ein größeres Publikum an seinem Stand versammelt gehabt. Es entsprach der allgemeinen verbreiteten Ansicht, dass einer, der nicht Spickaal und
Möllnischen Zwieback bei Aalweber gekauft und anschließend im Gedränge verzehrt hatte, gar nicht richtig zu Markt gewesen wäre. Auch an den vier Markttagen in Altona, auf dem Eimsbüttler und dem Eppendorfer Markt sowie an den Markttagen in Wandsbek mit seiner Bude Vertreten.
Nur einmal soll ein Markttag mit einem vollen Misserfolg geendet haben. Und das kam so: Aalweber liebt es, seiner Meinung ungeschminkt Ausdruck zu verleihen. Da er sehr solide lebte, konnte er Menschen,die sich betranken, nicht leiden. Zu denen, die ihm öfter schwer bezecht begegneten, wenn er frühmorgens mit seiner Karre los zog, gehörte auch Krischan Piepenbrinck. Als der nun einmal glaubte, sich über Aalweber lustig machen zu können, putzte dieser ihm auf offener Straße so herunter, dass er wie ein geprügelter Hund nach Hause schlich. Diese Zurechtweisung konnte er den Aalhändler nicht vergessen, sann vielmehr ständig auf Rache. Nun war einmal wieder Lämmermarkt, und Aalweber hatte wie immer seine Bude an der Kirchenallee aufgeschlagen. Als aber der erste Käufer herzhaft in einen Aal hinein biß, spuckte er das abgebissene Stück entsetzt wieder aus. Ebenso erging es anderen Käufern. Schon entwickelte sich ein heftiger Streit, da Aalweber nicht zugeben wollte, dass seine Ware schlecht sei. Endlich entschloss er sich, selbst einmal in einen Aal hinein zubeißen. Da musste er feststellen, dass seine Ware tatsächlich verdorben war, sie schmeckte nach Brennöl, das man damals in den Trankrüseln brannte. Es musste schon jemand die Aale damit übergossen haben. Der Täter wurde nicht ermittelt, aber jeder war überzeugt, dass ihm Krischan Piepenbrinck diesen Streich gespielt hatte. Das Geschäft war für diesmal aus. Aalweber hielt seine Bude geschlossen und war auch für die nächsten Tage unsichtbar. Es dauerte Monate, bis er sein altes Ansehen wiedergewonnen hatte. Dann aber war der Zwischenfall vergessen, und Aalweber war wieder der Mann, ohne den ein Jahrmarkt nicht denkbar war. Wohl keine Schilderung alt Hamburgischen Lebens in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geht an diesem Original vorüber, ohne es eine der Stadt bekanntesten Gestalten zu erwähnen.
Nach all diesen geschäftlichen Erfolgen muss es überraschen, dass er gegen Ende seines Lebens Aufnahme im Werk- und Armenhause fand. Er war so arm, dass Freunde eine Sammlung veranstalteten, um ihn mit Tabak zu versorgen. Wie es zu dieser Mittellosigkeit gekommen ist weshalb ihn sogar seine Kinder in Stich gelassen haben, darüber ist nichts bekannt. Er starb im gleichen Jahr wie Hummel. Auch Aalweber ist schon zu seinen Lebzeiten als Volkstümliche Figur auf die Bühne gebracht worden.
Das Steinstraßen – Theater spielte 1835 die Posse „ Gustav oder der Maskenball“, in der einer der Schauspieler den Aalweber darstellte. Es ist bezeichnend für die Geschäftstüchtigkeit Aalwebers, dass er dazu seine Original Karre mit den Bürsten, Besen und Stöcke an die Bühne auslieh. Das Stück erlebte schon im ersten Jahre 150 Aufführungen und eroberte sich danach auch noch viele andere Bühnen. Allerdings ging dieser Erfolg nicht auf Aalweber zurück, seine Person und seine Karre dienten nur als Lokalkolorit.
Von der Volkstümlichkeit Aalwebers zeugte auch, dass er als Hamburger Type bis heute lebendig geblieben ist. Im Laufe des ganzen, seinem Tode folgenden Jahrhunderts fanden sich immer wieder Leute, die als Aalhändler die bekannte Gestalt Aalwebers nachahmten, wobei die rote Weste und der weiße Zylinder die Hauptrolle spielten. Es ist anzunehmen, dass auch Aalweber eine solche Aufmachung schon als zugkräftig erkannt hatte, weshalb man hinter seiner Originalität wohl mehr den tüchtigen Geschäftsmann als den Sonderling zu sehen hat. Immerhin ist seine Gestalt so stark in das Bewusstsein der Hamburger eingegangen, dass bei allen mit Aufmärschen und Umzügen verbundenen lokalen Veranstaltungen neben Hummel ein Aalweber nicht gut fehlen darf.
Pipenreimers
Pipenreimers
Claus Timm, genannt Pipenreimers, geboren
1790 als ehelicher Sohn des Arbeitsmannes Hans
Timm in Lurup, Hülsenhändler, gestorben am
16. Juli 1865.
in alten Hamburger Gaststätten pflegten zwei Bilder zu hängen: Hummel und Pipenreimers. Auch in den Aufzeichnungen alter Hamburger werden sie am häufigsten erwähnt. Sie scheinen also die bekanntesten unter den Hamburgern Originalen zu sein.
Timm war ein anspruchsvoller Mensch. Er hatte keinen festen Wohnsitz, sondern schlief im Sommer im Freien, im Winter bei den Bauern in Scheunen. Anspruchslos war auch die Ware, mit der er handelte: Hülsenzweige und Binsenhalme. Hülse ist ein alter Name für Stechpalmen, Ilex. Er pflückte davon Zweige, wo er sie in Knicks oder in verwilderten Gärten fand, und zog damit, sie wie einen Weihnachtsbaum auf der Schulter tragend, in die Stadt. Die Leute kauften solche Zweige, um Katzen fernzuhalten. Man legte sie in Durch Schlupf Löcher im Zaun, in der Planke, in der Hecke oder auf die Fensterbank der Speisekammer und konnte sicher sein, dass diese Stellen wegen der spitzen Stacheln an den Blättern von den Katzen gemieden wurde. Seinen Spottnamen aber verdankte er den Pfeifenräumern, die er in der Hand trug. Das waren Halme vom blauen Pfeifengras, Molinia, die er draußen in den Mooren pflückte und in die Stadt als Mittel, die damals gebräuchlichen langen Tonpfeifen zu reinigen verkaufte.
Diese seine beiden Handelsobjekte pries er an mit dem ständigen Ruf:“Hüls, Hüls, ok Pipenrümers!“ Da der Name Reimers in Hamburg schon sehr verbreitet war, ist es verständlich, dass Timm nicht als Pipenreimers genannt wurde. Mit Geistesgaben war er nicht gesegnet. Dafür aber hatte ihm die Natur eine Stimme gegeben, von der es hieß, er hätte Tote damit erwecken können. Er handelte in Altona und in Hamburg. Stets wenn er an einem Ende eines Lärm erfüllten Marktplatz erschien und seinen Ruf erschallen ließ, war man am anderen Ende sofort von seinem Erscheinen unterrichtet. Diese Stimme war auch seine Waffe gegen Straßenjungen, die ihm gar zu gern folgten und seine Rufe nach äfften. Er schalt nicht, er tat ihnen auch nichts, er über- schrie sie einfach. Wenn man zeitgenössischen Berichten glauben darf, machte er sich oft ein Vergnügen daraus, an Frauen und Kinder von hinten leise heranzutreten und dann plötzlich seinen Ruf erschallen zu lassen. So beichtet die Schriftstellerin Emelie Weber in ihren Lebenserinnerungen, dass sie und ihre Freundinnen immer einen großen Bogen um diesen Man herum gemacht hätten, um sich nicht ein zweites Mal von ihm hinterrücks anbrüllen zu lassen.
Schon zu seinen Lebzeiten wurde er in einem Volksstück dargestellt. Es gab auch einen Tanz mit dem Refrain „So geiht he goot“, in dem er verherrlicht wurde. Er starb im Alter von 75 Jahren in Bahrenfeld und wurde auf Kosten der Gemeinde Niendorf auf den damals Ottensener Friedhof beerdigt.
Senator Caspar Voght
Senator Caspar Voght
Caspar Voght, ab 1765 Senator, war nicht der
Baron Caspar von Voght, der den Jenischpark
anlegte und dessen gastfreies Haus in der
ganzen literarischen Welt bekannt und berühmt
war. Dieser Senator Caspar Voght war sein
Vater und lebte von 1707 bis1781.
Caspar Voght war Kaufmann von Beruf und voller Humor, der allerdings nicht immer beabsichtigt war, sondern einfach aus seiner derben Art entsprang. Diese Wesens Art zeigte sich einmal recht deutlich, als er mit seiner Frau den Opernhof am Gänsemarkt besuchte. Während die Ouvertüre alle Zuhörer in ihren Bann schlug, hing er, der als Feinschmecker bekannt war, anderen Gedanken nach. So kam es, dass er sich plötzlich an seine Frau wandte und mit deutlich vernehmbarer Stimme fragte: „Wat gifft dat hüüt avend to eten Liesbeth?“ Frau Liesbeth war zwar etwas unsanft aus ihrem musikalischen Genießen herausgerissen, aber sie fand doch gleich in den nüchternen Alltag zurück und antwortete: „Kramsvagels, Caspar!“ der Senator spitzte im Vorgeschmack seines Lieblingsgerichts die Lippen. Aber mit diesem vorraus genommenen Genuss war er noch nicht zufrieden. Deshalb wandte er sich abermals an seine schon wieder der Musik ganz hingegebene Frau: „OK Appelmoos dorbei?“ worauf sie ziemlich unwillig mit einem kurzen „Nee!“ antwortete. Das war enttäuschend und gegen Vernunft und Tradition. Das durfte sich ein Mann in seiner Stellung nicht bieten lassen, auch nicht von seiner Ehefrau. Daher schlug er zurück mit der ganzen Entschiedenheit seiner gewichtigen Persönlichkeit und gab seinem Unwillen in den überzeugenden Worten Ausdruck: „Denn schiet ik op de Kramsvagels!“ Gerade in diesem Augenblick hatte das Orchester die Ouvertüre beendet, so dass Voghts Äußerung durch das ganze Parkett zu hören war. Natürlich sprach sich diese kleine eheliche Auseinandersetzung am nächsten tage an der Börse herum, was unserm Caspar Voght de Spottnamen „Senator Appelmoos“ ein trug , den er zeitlebens nicht wieder los wurde.
Mit dem Musikverständnis Voghts war es offenbar nicht weit her. Dass er trotzdem Theater und Konzerte besuchte, war er seinen Standesehre schuldig. So saß er auch einmal auf dem Chor der Petrikirche, um sich ein dort veranstaltetes Konzert anzuhören. Nachdem er sich genügend unter der großen Schar der Zuhörer umgesehen hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit den Musikern zu und sah da zwei von ihnen, die gerade pausierten und deshalb die Instrumente abgesetzt hatten. Als nun der Satz zu Ende war, fragte er verwundert den Dirigenten: „Worum hebbt denn de beiden Kerls nich mitspeelt?“ Der Dirigent, belustigt über diese naive Frage, aber doch voller Respekt gegenüber dem Herrn Senator, antwortete ihm, die Partitur sähe keine Mitwirkung dieser beiden Instrumente vor, die Herren hätten also pausiert. Das aber konnte Caspar Voght nicht verstehen und rief entrüstet aus:“Pauseert? Wat heet hier pauseert? Se kriegt jüst so goot betahlt as de annern, denn süll se ok speeln!“
Mit seiner Sachkenntnis vom Theater war es nicht besser bestellt. Eines Tages sah er den berühmten Schauspieler Schröder auf der Straße. Da er sich für den Abend den Besuch des Theaters vorgenommen hatte, sprach er ihn an und sagte: „He speelt doch woll mit hüüt avend?“ Schröder verneint, er habe in den Stück des Abends keine Rolle übernommen. Da zog ein Schatten der Enttäuschung über Voghts Gesicht. Aber dann fing er sich wieder auf, nahm eine leutselige Miene an und sprach: „Herr Schreuder, do He mi doch den Gefallen un speel He hüüt avend mit, ik mag Em gor to geern speeln sehen!“
Ob der „Herr Schreuder“ eine so eindeutige Antwort erteilte wie der Musikdirektor Bach in der folgenden Anekdote ist nicht überliefert. An diesen Musikdirektor war Voght nämlich herangetreten, er Bach möchte doch einem seiner Bedienten, der Geige spielen könne, die Stelle eines Ratsmusikanten verschaffen. Bach ließ den Bedienten kommen und sich etwas vorspielen. Da dieser auf der Geige aber nur herum kratzte, schickte er ihn schleunigst wieder nach Hause und sagte anderen Tages zu Voght: „Ihr Bedienter, Herr Senator, ist ein elender Stümper auf der Geige und nicht zu gebrauchen“.Caspar Voght aber war in seiner Gutmütigkeit nicht zu erschüttern und meinte leicht hin: „ Na, wenn ji em bi de Vigelien nicht bruken köönt, denn smiet em bi de Bass!“
Diese kindliche Auffassung von Kunst und Künstlern hinderte den Senator Caspar Voght aber nicht, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen. So hatte er auch einmal eine Herzogin von Mecklenburg zum Mittagessen in sein Landhaus in Hamm eingeladen. Zu ihren Ehren sollte bei ihrem Eintreffen alle Wasserkünste spielen. Dafür war ein Gärtnerbursche bereitgestellt, der um die Zeit ihrer vorgesehenen Ankunft die Springbrunnen in Gang setzen sollte. Nun kam die Herzogin aber früher als erwartet. Als Caspar Voght ihr aus dem Wagen half, fielen ihm plötzlich die Wasserkünste ein, die natürlich noch nicht zu spielen begonnen hatten. Er glaubte aber, die Situation noch retten zu können und rief mit lauter Stimme über alle Anwesenden hinweg: „Krischan, treck den Pluck rut!“, ein Ausruf, der sehr bald sprichwörtlich wurde.
Das gesellschaftliche Leben bot bei Voghts derber Art natürlich immer wieder Gelegenheit zu peinlichen Pannen. Einmal hatte ein Gast der Dame des Hauses gesagt, sie sei wie eine Calla aetiopica. Sie nahm das als Schmeichelei, als ein Lob ihrer Schönheit. Um nun aber zu erfahren, welche hervorragenden den Merkmale ihrer Schönheit mit denen der Calla übereinstimmten, nahm sie in einem geeigneten Augenblick den Senator Caspar Voght beiseite und fragte ihn, wie wohl eine Calla aetiopica aussehe. Voght hatte von der Schmeichelei nichts gehört. Ihm kam in seiner Harmlosigkeit auch nicht der Gedanke, dass zwischen dieser Pflanze und der Dame des Hauses irgendeine Beziehung bestünde. Zudem war er kein großer Pflanzenfreund, da ihm diese viel zu vergänglich waren, als dass man damit Handel hätte treiben können. Deshalb sagte er seine Abneigung keine Zügel anlegend: „Die Calla aetiopica, meine Beste, das ist ein dummes Ding, sieht aus wie ein Besenstiel, dem man oben eine Nachtmütze aufgesetzt hat“. Die Dame dankte und schwieg. Seitdem konnte sie die Calla nicht mehr leiden.
Als Senator Caspar Voght auch Polizeiherr und hatte bei Vergehen gegen die allgemeine Ordnung recht und Urteil zu sprechen. Dabei kam es meistens nicht auf Paragraphen, sondern auf Menschenkenntnis an. Da er diese in hohen Maße besaß, konnte er auch zuweilen salomonische Entscheidungen treffen.
Einmal kam ein Schlachter zu ihm und verklagte seine Kollegen, er habe ihm seinen Hund gestohlen. Der beklagte aber behauptete, den Hund schon lange zu besitzen. Caspar Voght ließ alle drei vor sich kommen, die beiden Schlachter und den Hund. Die beiden Schlachter mussten sich einer rechts, der andere links nieder setzen. Dann nahm er den Hund auf den Schoß , quer zu seinen Beinen und streichelte ihn wohl einige Minuten lang, dass er ganz zutraulich wurde. Plötzlich gab er ihm einen kräftigen Schlag auf den Hintern. Das hatte der Hund nicht erwartet. Laut jaulend sprang er vom Schoß herunter und verkroch sich hinter den Beinen des klagenden Schlachters. Der Hund war zu seinem alten Herrn geflüchtet, der Beklagte hatte ihn gestohlen und wagte keinen Einwand. Er bezahlte auch ohne Widerreden eine Geldstrafe und die Kosten des Verfahrens.
Vor einer schwierigen Entscheidung stand Voght, einmal als den Verkehrsrichter spielen sollte. Die Brandstwiete war damals eine sehr enge Straße, nur eine Wagenspur breit. Da sich zwei Wagen nicht vorbeifahren konnte, hatte sich der Brauch herausgebildet, dass derjenige zurück musste, der eine bestimmte Pforte noch nicht erreicht hatte. Eines Tages war der Wagen des Kaiserlich Russischen Gesandten von der einen und der Wagen des Kaiserlich Österreichischen Gesandten von der anderen Seite in die Twiete hinein gefahren. Die bewusste Pforte hatte sie beide zur gleichen Zeit erreicht. Wer soll nun dem anderen Platz machen? Nachdem sich die Kutscher eine Weile herum gestritten hatten, wobei es um jeden Zoll Abstand der Pferdenasen von der Pforte ging, mischten sich die beiden hohen Herren in die Auseinandersetzung ein, ohne dass sie imstande gewesen wären, zu einer Einigung zu kommen. Schließlich fiel ihnen ein, den Polizeisenator entscheiden zu lassen. Sie begaben sich also höchst persönlich ins Rathaus und trugen Caspar Voght den Fall vor. Dieser stand vor einer äußerst delikaten Aufgabe, da er es mit keinem der beiden Herren verderben durfte. Aber er wusste einen Ausweg. Er sagte ihnen, die Sache sei so wichtig, dass er allein sie nicht entscheiden könne. Es wäre eine staatspolitische Angelegenheit und die gehört vor den gesamten Senat. Da er wüsste, was er den Herren schuldig sei, würde er dafür sorgen, dass der Fall am nächsten Morgen als ersten Punkt verhandelt werde. Die Herren bedankten sich in aller Form für die Entgegenkommen, kehrten zu ihrem Wagen zurück und ließen diese rückwärts wieder aus der Brandstwiete herausfahren, um dann auf einem anderen Weg ihr Ziel zu erreichen.
Bei solchen Verhandlungen war Caspar Voght durchaus ein ernsthafter Richter. Einmal hatte er seinen Schwager, den Ober alten Droop, ab zu urteilen. Der hatte einen Hund, der ihm verendet war, einfach in ein Fleet werfen lassen. Das war, von Polizei wegen verboten. Außerdem war dem Schinder die Bezahlung für das Wegschaffen des toten Hundes verloren gegangen. Eben dieser Schinder erhob also Klage wider den Oberalten Droop und Casper Voght hatte Gericht zu halten. Als Droop in das Verhandlungszimmer eintrat, ging er auf Caspar Voght zu und sagte, ihre Verwandtschaft recht betonend: „Gode Dag, Swager, wo geiht uns dat?“ Voght überhörte diese familiäre Anrede, wandte sich vielmehr gerade in diesem Augenblick an den Schinder und sprach ihm mit Amtsmiene an: „Henning, wo weer dat man noch!“ Und Henning, der Schinder erhob Klage, dass ihm der tote Hund zugestanden hätte. Da Droop den Vorfall nicht bestreiten konnte und wollte, war das Urteil schnell gefunden:“Ja, Herr Dropp, dat kost en Daler Straaf!“ Droop zog sofort die Börse und legte einen Taler auf den Richter Tisch Caspar Voght strich den Taler ein und wandte sich nun, da die Gerichtsverhandlung beendet war, an den Verurteilten:“ Na, mien lebe Swager, wo geiht di dat un wo geiht dat to Huus?“ Dienst ist Dienst, das galt auch schon zu Caspar Voghts Zeiten.
Über sein häusliches Leben ist nichts Besonderes berichtet. Die Kramsvagelgeschichte lässt vermuten, dass er nicht gar zu zart fühlend mit seiner Familienmitgliedern umgegangen ist. Seine Grobheit bestand aber nicht nur in derben Worten, sondern ließ ihn auch zu rücksichtslosen Taten bereit sein. Kommt da eines Tages ein Mann zu ihm ins Haus und trägt ihm lang und breit vor, er möchte als Nachtwächter angestellt werden. Voght sieht sich den Kerl an und fragt: „Kann He Aver ok goot lopen? He mutt jo dat Gesinnel opgripen, dat sik`s nachts op de Straten rümdriben deit.“ Der Nachtwächteraspirant ist natürlich ein guter Läufer. Caspar Voght aber glaubt seinen Versicherungen nicht ohne weiteres. Er will sich davon überzeugen und sagt deshalb: „Wi wüll doch gliek mal en lüttje Proov maken.“ Dazu ruft er seine Frau herein und bedeutet ihr: „Kumm, Fro, loop mal gau üm den Disch rüm! Wüllt doch mal sehn, wat di de Kerl to faten kriggt.“
Zitronenjette
Zitronenjette
Johanna Henriette Müller, genannt Zitronenjette,
war am 18. Juli 1841 als uneheliches Kind
in Dessau geboren. Mutter Leopoldine zog
aber bald darauf nach Hamburg und verheiratete
sich hier. Henriette wohnte als Zitronenhändlerin
zuerst bei ihrer Schwester im Gängeviertel,
dann allein am Teielfeld, Ecke Herrengraben.
Gestorben ist sie am 8. Juli 1916.
Zitronenjette war angeblich nur 1,32m groß und soll nicht einmal 70 Pfund gewogen haben. Sie war also schon in dieser Hinsicht eine „unglückliche Person“ wie sie immer von sich sagte. Ihre platt gedrückte Nase ließ sie außerordentlich hässlich erscheinen und die weinerliche Stimme, mit der sie ihre Ware anpries, rührte manchen Vorübergehenden, so dass ihr oftmals mild herzige Gaben zu flossen. Sie handelt mit Zitronen, die sie aus einem großen Korb den Passanten feilbot. Gewöhnlich stand sie am Graskeller, der damals infolge Erhöhung der Fahrbahn noch einen tieferliegenden Bürgersteig hatte. Wenn die Fußgänger an der Treppe ihren eiligen Schritt ein wenig verhielten, konnten sie die kleine Frau nicht gut übersehen. Zudem war sie immer gleich gekleidet: kurzer Rock, wie er bei Marktfrauen üblich war, blaue Schürze, großes buntes Umschlagtuch und keine Kopfbedeckung. So stand sie da in Wind und Wetter, im Sommer und Winter. Am Spätnachmittag und Abend zog sie meistens noch durch die Lokale, um hier ihre Zitronen an den Mann zu bringen. Dabei geschah es oft, dass Stammgäste für sie ein großes Glas Schnaps bringen ließen, einen so genannten Barmbeker, das sie dann zur allgemeinen Belustigung auf einen Zug leerte. Diese Gewöhnung an den Alkohol führte dazu, dass sie auch während der Tageszeit meistens ein Kümmel Fläschchen bei sich hatte und ihm zwischendurch öfter zu sprach. Wenn sie dann heimwärts wankte, folgte ihr gewöhnlich ein große Schar Kinder, die sie hänselten und ihr das allen bekannte „Zitronenjette! Zitronenjette!“ nachriefen. Manchmal brachten mitleidige Menschen sie nach Hause. Oftmals aber musste die Polizei sie auflesen. Dann kam sie unter großen Hallo auf die Karre, wurde zur Polizeiwache oder nach dem Kurhaus gefahren und konnte da ihren Rausch ausschlafen. Endlich wurde es der Polizei zu bunt. Man liefert sie 1894 in Friedrichsberg ab, damals noch Irrenanstalt. Hier erkannte man, dass es sich um ein haltloses, schwachsinniges, aber williges Menschenkind handelte. Da man ihr den Alkohol nur fernhalten konnte, wenn man sie in einer Anstalt unter brachte, behielt man sie kurzerhand da und beschäftigte sie in der Küche. Hier ist sie noch 22 Jahre bis zu ihrem 75. Lebensjahre erfolgten Tode tätig gewesen.
Schon zu ihren Lebzeiten 1900, spielte man im Ernst-Drucker-Theater eine Hamburger Volksposse „Zitronenjette“ in 7 Bildern von Theodor Francke, in der ein Stück Leben im Gängeviertel dargestellt wurde. In der Titelrolle glänzte der schon damals als Darsteller weiblicher Rollen dieser Art berühmte „Papa Seybold“.
Eines Tages holte man Henriette Müller von Friedrichsberg ab und ließ sie als Ehrengast an einer Vorstellung teilnehmen. Sie fand auch alles sehr nett, aber solchen „Kömbaß“ hätte sie nie gehabt. Das Stück ist auch später noch wiederholt auf den Spielplan erschienen. 1940 schrieb Pauel Möhring eine neue „Zitronenjette“, in der Ernst Budzinski die Titelrolle spielte. 1955 und 1962 war das Stück wieder auf den Spielplan. Trägerin der Titelrolle war Christa Siems.
Valentin
Valentin
Valentin auch Parish genannt, Straßenhändler,
soll bald nach 1850 gestorben sein.
Der alte Valentin war ein allen Hamburgern bekannter Mann. Er sah zwar wie ein würdiger, betagter Gelehrter aus, aber seine Tätigkeit beschränkte sich auf den Verkauf von Spazierstöcken, Tabak und Zigarren, kleinen Windmühlen, wie sie Kinder heute noch aus gefaltetem Papier, einer Stecknadel und einem Holzstäbchen herstellen und zierlich aus Holz geschnitzten Hähnchen, die er mit Leim bestrich und dann mit bunten Federn bedeckte. Seinen Stand mit diesem vielseitigen Angebot baute er jeden Morgen aufs neue an der Lombardsbrücke gegenüber der damals noch stehenden Mühle auf. Hauptabnehmer für Zigarren waren Jugendliche, die für alle Fälle gedeckt durch die nahen Anlagen, bei ihm ihre ersten Rauchversuche unternahmen. Er hatte Verständnis für solche Übungen und reichte seinen halb erwachsenen Kunden aus seiner ständig schwelenden Lunte auch gleich Feuer. Da aber wohl damals schon den Jungen das Rauchen verboten war, wandte er sich dabei stets ab, um nichts gesehen zu haben. Eine Unterhaltung liebte er sowieso nicht, auch nicht mit seiner erwachsenen Kundschaft. Viel lieber schlief er und legte dabei den Kopf rücklings auf das Brückengeländer, wodurch er von der Sonne im Lauf der Jahre gebräunt worden sein soll, dass seine Gesichtshaut wie verräuchertes Leder aussah.
Das vornehme Aussehen verdankte er der schwarzen Samtkappe, der großen Hornbrille und dem schwarzen, langen Rock. Jedermann war auch überzeugt, dass er von „besserer“ Abkunft war. Man nannte ihn neben Valentin eben so oft Parish weil man gewiss war dass er ein unehelicher Sohn des reichen, sehr angesehenen Kaufmanns Charles Parish war. Andere wussten es noch romantischer darzustellen: er sei ein echter Parish, sei in seiner Jugend ein rechter Tunichtgut gewesen und habe sich bei seinen leichtsinnigen Streichen eine Lähmung zugezogen. Er war in der Tat auf einer Seite gelähmt. Da seine Eltern nun glaubten, durch einen solchen missratenen Sprössling sei das Ansehen und die Ehre der Familie gefährdet, hätten sie ihn kurzerhand aus der Familie ausgestoßen. In Auszeichnung aus dem alten Hamburg findet sich für ihn auch noch die Benennung „Theseus“ Was er mit diesem großen Helden des griechischen Altertums gemein hatte ist aber nicht überliefert.
on originellen Senatoren
Von originellen Senatoren
Caspar Voght war nicht der einzige Senator, der als ein Original zu gelten hat. Eine ganze Reihe seiner Ratskollegen waren nicht minder originelle Menschen, die oft Anlass gaben, von ihnen Geschichten zu erzählen. Da war z.B. der Senator und später Bürgermeister Amadus Augustus Abendroth, der sich als Polizeiherr nicht scheute, Fallen zu stellen, um Missetäter zu überführen. So hatte ein Kartenleger schon längere Zeit in St. Pauli sein Unwesen getrieben, ohne dass es gelungen war, ihn dieser verbotenen Beschäftigung zu überführen. Da beschloss Abendroth, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen und den Kartenleger auf frischer Tat zu ertappen. Er zog sich als biederer Bürger an und ging in dessen Wohnung. Nachdem der ihm manches Erfreuliche und ein wenig Unerfreuliches geweissagt und dabei allerlei Hokuspokus getrieben hatte, wollte er natürlich seine Gebühr kassieren. Da aber schlug Abendroth auf den Tisch und sagte halb belustigt, halb drohend: „Nu will ik Em mal de Kaarten leggen. Hüüt avend Klock negen sitt He in de Roggenkist (Bürgergefängnis) un marscheert von dor in´t Tuchthuus!“ Damit zog er eine Pfeife aus der Tasche, ließ einen kurzen Pfiff ertönen und herein drangen zwei Polizisten, die den Ertappten abführten.
Obgleich Abendroth ein Mann war, der sich jeder Schwierigkeit gewachsen zeigt, konnte es doch einmal vorkommen, dass eine Sache nicht nach Wunsch verlief. Seine besondere Aufmerksamkeit wandte er den Nachtwächtern zu. Wer kontrollierte schon die Nachtwächter! Wenn alles schlief, wer konnte da beobachten, ob die Nachtwächter gewissenhaft ihren Dienst versahen! Wiederholt war es vorgekommen, dass man einem nächtlichen Schadenfeuer den Nachtwächter erst wecken musste. Besonders aber war es eingerissen, dass sich Bürger, die einen über den Durst getrunken hatten, von Nachtwächtern nach Hause bringen ließen, die sich dabei natürlich von ihrem Revier entfernten. Ein Zecher, der zur nächtlichen Stunde aus einer Kneipe herauskam und sich nicht allein auf den Heimweg getraute, brauchte nur „Twee Mann ahn Lanzen!“ zu rufen, dann kamen auch schon zwei Nachtwächter angelaufen, die im Dunkeln bereits auf solche Gelegenheit gewartet hatten. Dabei fiel selbstverständlich ein gutes Trinkgeld ab. Diese missbräuchliche Inanspruchnahme der von der Stadt bezahlten Nachtwächter wollte Abendroth abschaffen, indem er ein Exempel Statuierte. Er begab sich zeitig in den Ratsweinkeller, ließ sich dort einen Krug Wein gut munden und so um Mitternacht trat er auf die Straße hinaus und rief das übliche „Twee Mann ahn Lanzen!“ Gleich darauf war auch ein Nachtwächter zur Stelle. Abendroth tat ein bisschen angeheitert und sagte ihm, er wäre hier fremd und möchte nach dem Hotel „Zur alten Stadt London“ am Jungfernstieg geführt werden. Der Nachtwächter war selbstredend bereit, brachte ihn dort bis vor die Tür bekam sein gutes Trinkgeld. Wie erstaunte er aber war, als er am folgenden Tage vor den Polizeiherrn zitiert wurde! Noch größer war seine Verwunderung als, ihm haargenau nachgerechnet wurde, wie lange er sein Revier ohne Aufsicht gelassen und wie viel er auf unerlaubte Weise verdient hatte. Der Senator sparte nicht mit heftigen Vorwürfen und drohte ihm schärfste Bestrafung an. Als er dann nach Gewohnheit der Richter den Angeklagten fragte, ob er noch etwas zu seiner Entschuldigung zu sagen hätte, fiel diesem bei aller Zerknirschung doch noch eine Ausrede ein, die er sogleich ganz demütig vor trug: „Ach Herr Senator, ik weet dat ja, wi süllt in`t Revier bliben, aver ditmal weer dat Christenpflicht; de Swienegel weer doch so besapen, dat ik em nich alleen gahn laten kunn“. Abendroth soll nur geschmunzelt haben und die Ausübung der Christenpflicht scheint auch weiterhin geduldet wurden zu sein.
So wenig er diesem Nachtwächter seine Ausrede übel nahm, so leicht war er auch bereit, eine Belehrung einzustecken. Eines Tages erscheint vor ihm der Zimmermeister Valentin Schmidt mit einem Mann, den er bei einem Diebstahl ertappt und festgenommen hatte. Abendroth will zunächst die Personalien aufnehmen und fragt, sich dem Zimmermeister zu wendet: „Wo heet he?“ Der verzieht keine Miene. Da fragt Abendroth ihn abermals: „Wo heet He fraag ik?“ Da endlich tut der Zimmermeister seinen Mund auf und antwortet freundlich, aber bestimmt: „De Deef, hochweiser Herr, de steiht dor an de Döör.“ Abendroth begriff sofort, blieb aber ganz ruhig: „Den Deef meen ik meen Se.“ Da stand ihm der Meister Rede und Antwort.
Trotzdem muss Abendroth eine Respektsperson gewesen sein. Das zeigt sich, als reiner Zufall Goethes „ Faust“ zum ersten Male in Hamburg aufgeführt und am gleichen Tage Senator Abenroth zum Bürgermeister gewählt wurde. Da ließ man im Theater, um allen Missdeutungen von vornherein aus dem Weg zu gehen, die folgenden Zeilen aus dem Osterspaziergang vor dem Tore aus:
Nein, er gefällt mir nicht der neue Bürgermeister
Nun, da er´s ist, wird er nur immer dreister
Und für die Stadt, was tut denn er?
Wird er nicht alle Tage schlimmer?
Gebrochen soll man mehr als
immer und zahlen mehr als je vorher.
Mit den Nachtwächtern hatte auch der Polizeisenator Simon schon oft seine Last gehabt. Die Bürgerschaft hatte bereits dringend eine Überholung aller Vorschriften für die nächtlichen Wächter verlangt. Was tun? Man konnte doch nicht jedem Nachtwächter einen Begleitmann mitgeben, der auf die Innehaltung der Dienstvorschriften achtet! Aber man konnte doch manches regeln, was bisher nicht bis ins Einzelne festgelegt war. So ergingen denn laufend neue Anweisungen des Senators, die eifrig vom Hauptmann der Nachtwache an seine Leute weitergegeben wurden. Diese Flut von Reformen machte sich ein Spaßvogel, der Fähnrich der Nachtwache, J.H. Schnitzler, zunutze, um Hamburg eine regelrechte Köpenickiade zu bescheren. Er verfasste einen Erlass des Polizeisenators Simon, nach dem vom 17. März 1754 ab die Nachtwächtern die Stunde auf hochdeutsch auszurufen hätten. Die Unterschrift wusste er geschickt zu fälschen, so dass der Kapitän der Nachtwache, Christian August Müller, das Schriftstück arglos in Empfang nahm und seinen Inhalt als allerhöchsten Befehl an seine Nachtwächter weitergab. Von dieser Nacht an also mühten sich die rauhen Kehlen der Nachtwächter, die ihnen völlig ungewohnten hochdeutschen Laute in singendem Tonfall und in angemessener Stärke hervorzubringen. Der Erfolg war katastrophal. Statt den Bürgern eine ruhige Nacht zu verschaffen, riefen die Nachtwächter eine steigende Unruhe hervor. „Sünd uns Nachtwachen dull worrn? Hebbt se Utlänner as Ulen instellt?“, so fragt man besorgt herum. Sobald die Nacht hereingebrochen war, wartet man schon auf den ersten Stundenruf. Die ganze Stadt war in der lächerlichsten Aufregung, zumal die Rufe von Mal zu Mal undeutlicher wurden.
Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass es Hochdeutsch sein sollte, was die Nachtwächter riefen, forschte man nach, wer wohl Uhrheber dieser unverständlichen Reform sein könnte. So traten einige beherzte Bürger auch an den Senator Simon heran, der es doch schließlich wissen musste. Aber er wusste von nichts. Er ließ jedoch seinen Hauptmann kommen, wodurch dann so gleich der ganze Schwindel aufgedeckt wurde. Manch einer wäre wohl vor Empörung aus der Haut gefahren und hätte Hauptmann samt Fähnrich zum Teufel gejagt, vor allem, da bereits Spottgedichte in der Stadt von Hand zu Hand gereicht wurde. Aber Simon nahm die Sache für einen guten Witz und ließ den vorlauten Fähnrich mit einem Verweis davonkommen. Erst über 100 Jahre später, 1868, wurde bei den Nachtwächtern im Falle einer Feuersbrunst ein hochdeutscher Ruf eingeführt.
Als Senator Dammert Polizeiherr war, wurde im Zuchthaus die Tretmühle eingeführt, die dann auch prompt den Namen „Dammert sein Danzböön“ erhielt. Als dann in seiner zeit auch ein Untersuchungsgefängnis errichtet wurde, war auch dafür die passende Bezeichnung alsbald gefunden. Man nannte es „Dammert sein Spiker“. Das Polizeiherr sein nicht immer leicht war, erfuhr Dammert, als eines Tages Witzel, ein Altgeselle der Schneiderzunft vor ihm erscheinen musste. Dieser hatte jahrelang bei einer Witwe gewohnt, sich mit ihr aber neuerdings erzürnt und sich deshalb anderweitig ein Unter kommen besorgt. Die klagte nun auf Zahlung des Mietzinses, den er lange Zeit schuldig geblieben wäre. Dammert ließ sich diese Schuld auf Jahr und Monat vorrechnen. Witzel hörte sich die Rechnung an, nickte dazu mit dem Kopf und gestand, als er gefragt wurde, so lange keine Miete bezahlt zu haben. Der Fall erschien ganz klar der Altgeselle musste zur Zahlung verurteilt werden. Aber da kam der mit der Gegenrechnung: die Frau Wirtin über ihren Witwenstand getröstet, nach Jahr und Monat zurückgerechnet bis dahin, wo die Mietzahlung aufhört. Dammert musste sich zwingen, nicht laut los zu lachen. Die Witwe leugnete nicht. Die Gegenrechnung stimmte mit ihrer überein. Daraufhin erklärte der Senator Rechnung und Gegenrechnung für ausgeglichen. Er sorgte aber dafür, dass der Schneidergeselle den Mund hielt, die Stadt verließ und anderwärts eine Aufnahme fand.
Ein Mann der einen Spaß vertragen konnte, war auch der Senator Schrötteringk. Da kam einmal ein Bauer mit einer Fuhre Heu auf den Pferdemarkt gefahren. Das Heu war von dem Lizentiaten Vogel bestellt worden, der Bauer hatte aber den Namen des Bestellers vergessen, nur dass er am Pferdemarkt wohne, hatte er behalten. Als er nun zweimal um den Platz herum gefahren war in der vergeblichen Hoffnung, es möchte wohl der Besteller auf ihn aufmerksam werden und herauskommen, wandte er sich an einen Vorübergehenden mit der frage, ob er wohl jemand wüsste, der eine Fuhre Heu bestellt hätte. Der Angesprochene aber war ein Schalk und antwortete, er selbst wisse es nicht, aber er solle doch mal den Senator Schrötteringk fragen, der sei ein hoch weiser Mann und wisse alles, zu dem wohne er auch hier am Pferdemarkt, gerade gegenüber in dem Hause mit dem aufgetreppten Giebel. Der Bauer bedankte sich sich höflich er konnte und wollte gehen. Da hielt ihn der freundliche Mann noch einen Augenblick zurück und sagte: „Dat wiuns recht verstaht! So ganz för umsünst deit he datnu ja nich. 12 Schilling mutt he em gliek op´n Disch leggen, un, wat ik noch seggen wull, wenn de Senator denn nich will, denn mutt He em mal die Pietsch wisen. De Senator sünd nu mal snaaksche Lüüd.“ So ging denn der Bauer über den großen Platz auf das bezeichnete Haus zu und dachte: Dat mit de Pietsch, dat will ik woll krigen!“ Er wurde gleich eingelassen und brachte sein Anliegen vor. Aber Schrötteringk bedauert, davon wisse er nichts. Dank der guten Ratschläge war der Bauer auf diese Ablehnung vorbereitet und meinte nun : „Ik verlang dat ok nich umsünst.“ Damit legte er ein 12 Schilling Stück auf den Tisch. Aber der Senator schüttelte den Kopf, er wüsste es wirklich nicht. Da dachte der Bauer, wie gut es doch wäre, dass er draußen den rechten Mann gefragt hätte, griff nach seiner Peitsche und stellte sich damit breitbeinig vor den Senator hin. Nun erwartet man wohl, der also Bedrohte hätte nach dem Hausdiener gerufen oder den unverschämten Kerl höchst persönlich vor die Tür gesetzt. Aber Schrötteringk war, wie man in Hamburg sagt, ein Gemütsmensch. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen,sondern sagte in väterlichen Ton: “Mäßige Er sich, mein Freund, dass hat Ihm ohne Zweifel ein loser Vogel aufgebunden.“ Da ließ der Bauer in freudigem Schreck seine Peitsche fallen und rief aus: „Richtig, Vogel, so heet de Mann, dat hebbt Se drapen!“ Und erfreut will er sich entfernen. Da aber hält ihn der Senator zurück und nötigt ihn, sein 12 Schilling Stück wieder an sich zu nehmen. Aber davon will der Bauer nichts wissen: „Nehm He man dat Geld, dat hett He sik ehrlich verdeent!“
Senatoren waren auch Menschen und sie hatten es nicht immer so eilig, wie andere es wohl wünschten. Bekannt wegen seiner unerschütterlichen Ruhe war der Bürgermeister Heise. Als er dieses Amt noch nicht innehatte, saß er einmal in seiner Stammkneipe und spielte Karten. Da kam sein Hausknecht herein und richtete ihm auftragsgemäß aus, seine Frau sei soeben von einem Töchterchen glücklich entbunden worden. Heise bestellte einen schönen Gruß an seine Frau und versprach, gleich zu kommen. Es dauerte keine Viertelstunde, da kam das Kleinmädchen in die Tür: Herr Heise möchte sofort aufbrechen, seine Frau ...es wäre noch ein zweites Töchterchen angekommen. Der glückliche Vater versprach alles. Die letzte Runde, zu der man sich gerade anschickte, war noch nicht die allerletzte. Man spielte weiter, bis nach einer halben Stunde die Köchin erscheint ihn mit der Botschaft überraschte, seine Frau habe auch noch einen dritten Kind das Leben geschenkt. Da warf denn Heise die Karten auf den Tisch und sagte: „Nu is`t aver de höchste Tiet, anners warrt dat halve Dutz noch vull!“
Die vollendetste Gemütsruhe aber hatte der Oberpolizeivogt Mondientz, der ja seiner Stellung nach auch ein halber Senator war. Zu ihm kommt eines guten Tages ein aufgeregter Bürger, um seine Nachbarn zu verklagen. Dieser unfreundliche Mensch hätte ihn beleidigt und gesagt, er könne ihm... Darauf entgegnete ihm Mondientz: „Dat geiht mi jo nix an.“ Der Bürger aber lässt sich nicht abweisen. Er habe den Kerl gesagt, er werde ihn bei Herrn Mondientz verklagen. Darauf hätte der Unverschämte gesagt, Herr Mondientz könne ihm ... Auch das erschüttert Mondientz nicht: „Dat geit di jo nix an.“ Nun aber hat der Bürger noch einen Trumpf. Als er dem Nachbarn androhte, er würde ihn beim Senat verklagen, habe der freche Mensch geantwortet, der ganze Senat könne ihm... Aber auch das bringt Mondientz nicht aus der Ruhe. Er klopft dem erzürnten Bürger leutselig auf die Schulter und sagt beschwichtigend: „Mien lebe Jung, dat geit uns alle beid jo nix an.“
Schließlich sei noch des Bürgermeisters Moller gedacht, dem ein armer Schuster 1651 das Leder aus den Sitzen seiner Kutsche herausgeschnitten hatte, um daraus Schuhe für seine Kundschaft zu verfertigen. Kraft seines Richter Amtes verurteilte er den Schuster zum Tode am Galgen. Weil er aber glaubte, nicht gar zu hartherzig sein zu sollen, schenkte er den Sünder eine seiner Leinen Hosen, damit dieser anständig gehenkt werden konnte.
Dass es auch Leute gab die einen Senator nicht gar zu hoch einschätzten, ist wohl anzunehmen. Als einmal der große Kornspeicher des Kornmessers Oelrich abbrannte, fragte diesen´ein Nachbarn, der zum Helfen herbeigeeilt war, ob er den Polizeisenator, der ja die Brandbekämpfung zu leiten hatte, schon benachrichtigt hätte. Da antwortete Oelrich: „Wat do ik mit´n Senator! Een Sprütt is hier beter as tein Senaters.“
Ohne Respekt vor dem als Richter amtierenden Senator war auch ein Dieb, der die Katharinenkirche bestohlen hatte und dabei erwischt worden war. Im Verhör schwieg er beharrlich auf alle Fragen. Als dem Senator schon der Gedultsfaden reißen wollte, flüsterte der Dieb ihm ins Ohr, er möge einmal alle hinausgehen lassen, er habe ihm ein Geheimnis mitzuteilen, dass niemand anders hören dürfte. Der Senator ging darauf ein, froh einen Schritt weiter zu kommen. Als sich die Tür hinter dem letzten Besitzer geschlossen hatte, sprang der Angeklagte plötzlich durch ein offen stehendes Fenster auf den Hof hinaus und lief davon. Der Senator schrie: „Haltet den Dieb!“ und wollte ihm durch die Tür nach setzen. Aber die Draußen stehenden, die nur den Lärm hörten und glaubten der Dieb wollte durch den Ausgang entwischen, stemmten sich mit Gewalt gegen die Tür und hörten in ihrem Eifer nicht, was ihnen von drinnen zugerufen wurde. So war diesmal der Senator der Gefangene. Der Dieb aber kam ungesehen bis zum Steintor. Dort fiel er den Wachleuten auf. Sie nahmen ihn fest. So kam er doch nicht an den Galgen vorbei.
Mattler Danneberg
Mattler Danneberg
Mattler, Theaterdirektor, gestorben 1857;
Dannenberg,sein Nachfolger, gestorben 1883
Fast alles, was von Mattler erzählt wird, trifft auf Dannenberg zu. Es ist in Hamburg üblich, dass ein Geschäft, wenn es in anderen Händen übergeht, unter der alten Firmenbezeichnung weitergeführt wird. Dabei kann es vorkommen, dass der neue Inhaber mit dem Firmennamen angesprochen wird, ohne dass er den Irrtum richtig stellt. Dieser Tradition mag die Verwechslung der Namen Mattler und Dannenberg zuzuschreiben sein.
Mattler war Direktor eines Marionettentheaters. Solche Pupentheater waren eine bekannte Erscheinung auf allen Jahrmärkten. Mattler aber hatte einen festen Stand, eine Bude, die dem Spielbudenplatz neben einer Menagerie aufgebaut war. Hier spielte er die in allen solchen Theatern üblichen alten Volksstücke, wie „Des Faustens Teufels zwang, Leben und Höllenfahrt“, Don Juan, der steinernen Gast und „Genoveva“. Für regen Besuch sorgte sein Ausrufer Jakob Pijatz, der eigentlich Jakob Abraham hieß und der es verstand, mit hundert Späßen das Publikum anzulocken. Gewöhnlich nannte man ihn „Mattler sein Hahnrider“, weil er eine Zeit lang bei seinen Reden einen als Hahn gestalteten Automaten bestieg. Er soll 11 Sprachen verstanden haben und ist 1851 im 87. Lebensjahre gestorben, nachdem er in der letzten Zeit vor lauter Heiserkeit nur noch mit einer Sprachrohr zur Menge sprechen konnte.
Unter den Besuchern des Theaters waren viele Stammgäste, die alle Stücke kannten und rumorten, wenn einmal ein Arm oder Bein falsch gezogen wurde. Die Männer saßen bei ihrem Grog oder Köm, die Frauen strickten und hatten dabei ihren Kaffee mit Zucker neben sich stehen. Als einmal der Besuch abflaute, kam Mattler auf eine großartige Idee: er ließ seine Tochter auf der Bühne tanzen. Zwei aufgestellte Kandelaber weckten die Illusion eines antiken Tempels. Da das Töchterchen zu dieser Zeit 10 Jahre alt war, wird sie auf dieser Puppen Bühne Platz gehabt haben, wenn sie auch riesengroß neben der Dekoration erschien. Der Andrang zu den Vorstellungen nahm wieder zu, die Kasse füllte sich. Der Kummer des Vaters bestand nur darin, dass die Tochter von Jahr zu Jahr wuchs und sich dadurch das Missverhältnis zu der Bühne ständig vergrößerte. Aber der Tanz blieb Attraktion und so tanzte sie noch nach Jahren, als nicht viel mehr als die tanzenden Beine vom Zuschauer aus zu sehen waren. Das Publikum des Hamburger Berges, meist Matrosen, fand auch daran Gefallen. Zeitgenossen berichteten, die Bude habe nach dem Tanz unter dem Beifall gewackelt.
1840 fand auf den Spielbudenplatz eine große Umwälzung statt. Die Polizei befürchtete, die leichten, aus Brettern und Leinwand bestehenden Buden könnten, zu mal sie in dichten Reihen standen, eines Tages zu einer Brandkatastrophe führen. Daher mussten alle abgerissen oder feuerfest gemacht werden. Die meisten Unternehmen errichteten feste Gebäude, wodurch die heute noch bestehende Häuserreihe an der Südseite des Spielbudenplatzes entstand. Auch Mattler musste die Bude schließen und sich einen Neubau leisten. Eines Tages, kurz vor der Eröffnung des neuen Hauses, dass er fort ab stolz „Elysium -Theater“ nannte, verbreitet sich in St. Pauli das Gerücht: „Se speelt nu mit ornliche, lebennige Menschen.“ Dieses Gerücht wurde zur Tatsache. Am Spielbudenplatz entstand das erste Volkstheater nach Art der großen Bühnen. Bei der Eröffnung war das Theater brechend voll. Zur Feier des Tages brannten 4 Lampen, die aber im Tabaksqualm nicht recht zur Geltung kommen konnten. Im Publikum herrschte große Spannung. Da ein teil der Requisiten erst nach dem Eingang der ersten Eintrittsgelder beschafft werden konnte, zog sich der Beginn der Vorstellung etwas hin, was aber durch einen kräftigen Rund Gesang der Zuschauer überbrückt wurde. Als dann der Vorhang in die Höhe ging, begleitet von vielfachen rufen „Heuger rop! Wi köönt hier hoben nix sehn!“, da trat der erste Schauspieler auf die Bühne, freudig begrüßt von seinen Bekannten: „He Krischan von de Dovidstoot!“. Seine Schauspieler hatten das Elysium -Theater frisch weg von der Straße engagiert. Als Heldendarsteller aber verpflichtete Mattler Dannenberg, der der Neugründung sofort einen nachhaltigen Aufschwung betrachte. Der eigentliche Besitzer des Theaters war der frühere Polizeioffiziant Johann von Stemm, der auch die Theaterwirtschaft führte. Die Bühnenleitung hatte der Direktor Carlo Hoch, der aber Ende der 40er Jahre ausschied und Dannenberg die Direktion überließ. Als Mattler 1857 starb, war das Theater schon auf der Höhe des Erfolges und Dannenberg weit über die Grenzen Hamburgs hinaus berühmt Dannenberg war ein vielseitiger Mann. Begabt mit einem überaus starken Stimmorgan. Begann er sein Tagewerk, auch als er längst Direktor war, als Ausrufer. Eine große Glocke schwingend, ging er durch die Straßen und machte bekannt, was ihm aufgetragen war. Gewöhnlich fing er folgendermaßen an:
Heurt Lüüd- In`n Fleet-bi de Slamatjen-
brück- liggt en Ewer- hett gode Kantüffeln-
Eierkantüffeln- Spint veer Silling
veer Schilling blots dat Spint-ok scheunen
Kohl un gele Wötteln- un noch veel anneres-
Slamatjenbrüch- Kantüffeln veer Schilling
Frische Wooaar!
Dann folgte ein Angebot von frischen Schellfischen, billige Zwiebeln, trockenem Torf oder englischen Steinkohlen. Manchmal war ein Hund entlaufen, ein Schmuck verloren oder ein Stück Hausrat vorteilhaft abzugeben.
War seine Runde beendet, dann bot er seine Dienste für allerlei Hilfsarbeiten an: angelieferten Torf in den Kellern zu tragen, Unrat weg zu schaffen oder gar für einen Wohnungswechsel den Umzug zu übernehmen. Bei solchen Arbeiten lief er in blauem Hemd und Manchesterhosen herum, auf den Kopf eine kleine gestrickte Kappe. Aber dann, wenn die Mittagsstunde vorüber war wandelte er sich zum Künstler. Auch als Künstler, als Theatermann, war er von erstaunlicher Vielseitigkeit: Dichter, Regisseur, Dekorationsmaler, Heldendarsteller, Geschäftsführer und Rekommandeur, d.h. Der Mann, der unentwegt das Publikum heran lockte und versuchte, es zum Eintritt in sein Theater zu veranlassen. Dabei war er zwar von stattlicher Figur, aber von erschreckender Hässlichkeit, sein Gesicht durch eine breit ausladende Sattelnase entstellt. Große goldene Ohrringe betonten noch diesen Zug ins Breite. Denn Mangel in seiner äußeren Erscheinung wusste er aber durch seine abenteuerliche Kostümierung auszugleichen. Wenn er auf die Rampe hinaustrat, trug er einen aus Samt gefertigten, mit goldenen Tressen benähten Waffenrock über den ein blanker blechner Harnisch geschnallt war. Seine Beine steckten in hohen Reitstiefeln von gelben Leder, seine Hände und Unterarme in gelbe Stulphandschuhen. Ein besonderes Schaustück seiner Ritterrüstung war der riesige Helm mit dem wehenden Federbusch. Dieser prächtige Helm hatte nur eine üble Eigenschaft: bei einer besonders schwungvollen Rede klappte das Visier nach unten und schnitt ihm mitten im Satz das Wort ab. Dannenberg kannte diese Nücken. Mit einer durch hundertfache Übung sicheren Handbewegung schlug er die Klappe zurück und fuhr da fort, wo er soeben infolge höherer Gewalt hatte abbrechen müssen. Der Ritter wäre aber unvollständig angezogen gewesen, wenn er nicht ein blitzendes Schwert sein eigen genannt hätte. Dannenberg wusste es wohl zu schwingen und wurde nicht müde, seine Worte durch Schwert blitzende Gesten zu unterstreichen.
In dieser unzweifelhaft wirkungsvollen Aufmachung trat Danneberg vor das Publikum, wenn es galt, seine Bude mit Zuschauern zu füllen. Seine Ansprachen unterschieden sich nicht von denen, die Stimme und Phantasie begabte Rekommandeure heute noch an die Bude sich staunende Menge richten. Es war immer wieder das unwiderruflich letzte Zeichen zum Beginn der Vorstellung. Es war immer wieder die Versicherung, dass keine Mühe und Kosten gespart wären, um gerade diese Vorstellung zu einem glänzenden Ereignis zu machen. Ein beliebter Trick war zu versichern, 20 namhafte Personen hätten ihre Mitwirkung zugesagt oder ein Dutzend berühmter Leute hätte sich für die Vorstellung angemeldet. Als Garantie für die Qualität seiner Leistung bot er Rückzahlung des Eintrittsgeldes an, falls es jemanden nicht gefallen haben sollte. Die Eintritts Preise staffelte er 1.Platz 4 Schillinge, 2. und 3.Platz 2 Schillinge „fast geht es meiner Künstlerehre zu nahe, es auszusprechen nur einen einzigen Schillingen die lumpigen Person“. Wenn sich dann ein Strom Neugieriger in das Innere des Theaters ergossen hatte manchmal war es auch nur ein Rinnsal, dann stellte er fest, ob es sich schon lohne. Waren die kunstlos zusammengeschlagene Bänke noch nicht genügend besetzt, so trat er wieder auf die Rampe hinaus und begann seinen Redeschwall von neuem, bis er endlich genügend Publikum beisammen hatte.
Raum beherrschend waren in den Nachmittagsvorstellungen die Jungen. Sie füllten Reihe bei Reihe die Galerie. War aber die Verdunklung eingetreten, so schlich sich einer dem anderen an die Brüstung und rutschte an den Stangen, die die Galerie trugen, ins Paket hinunter. Die Plätze unter der Galerie waren meistens unbesetzt, da sich niemand gern auf den Kopf spucken ließ war die Vorstellung zu Ende und das Theater geräumt, pflegte die Aufseherin oder Dannenberg selbst durch die Bankreihen zu gehen und mit einem Knüppel unter den Sitzen entlang zu streichen, da es immer wieder Jungen versuchten, ohne erneuter Zahlung des Eintrittsgeldes in den Genuss einer weiteren Vorstellung zukommen.
Wenn es Dannenberg schien, dass eine Vorstellung nicht all zu gut besucht würde, dann ließ er so zwischendurch auch einige seiner jugendlichen Dreilings Abonnenten ohne Eintrittsgeld durch schlüpfen. So kamen drei Jungen an und der erste drückte ihm einen Dreilling in die Hand, während die beiden Begleiter als Freigäste sich durch mogelten. „Wo hest du dat Geld för de beiden annern?“fauchte Dannenberg dann den einen an. Aber der Junge war nicht auf den Kopf gefallen. Er sah ihm furchtlos ins Gesicht und antwortete: „Ik heff man enen Dreeling mitkregen un sall op miene Bröder oppassen. Un webb wi dree för den dreeling nich rinkoomt, denn süll wi wedder to Huus gohn un dat Geld wedder mitbringen“. Diese Zumutung, den Dreiling wieder herauszugeben, wenn er sich nicht auf den Handel einließ, überstieg die Widerstandskraft Dannebergs. Er ließ die drei Jungen hinein
Eine Zeit lang hatte er sich als Rekommandeur einen Mann engagiert, der nicht anders als Swonenhals genannt wurde. Schwanenhals galt als die „Schönheit von St. Pauli“, womit man seine Eitelkeit, die sich in seiner Kleidung und seinen Bewegungen offenbarte, verspotten wollte. Er trug nämlich einen Samtrock und dazu im Sommer einen weiße, stets frisch gebügelte Hose, die er im Winter mit einer eleganten schwarzen vertauschte. Sein übermäßig lang aus dem Körper herausragender Hals wurde auf dem Samtrock durch einen großen weißen Klappkragen eingefasst. Die etwa zu kurzen Ärmel waren durch weit hervorstehende Manschetten verlängert, die er täglich neu aus einem Bogen Papier zu schnitt. Es lässt sich nicht leugnen, dass Swonenhals seinem Herrn und Meister in der Anziehungskraft für das Publikum in nichts nach stand. Leider wurde er ihm später durch die besser zahlende Konkurrenz abspenstieg gemacht.
Für musikalische Einlagen stand links vom Souffleur ein gebrechliches Spinett bereit. Wenn Dannenberg auf seinem Theaterzettel angekündigt hatte „Doppelt besetztes Manschester!“, dann wirkte auch noch eine jammernde Violine mit oder auch eine asthmatische Haarmonika. Bei der chronischen Disharmonie des Spinetts fiel es weiter nicht auf, wenn die Jungen von der Galerie dem Kasten durch mehr oder minder gut gezieltes Werfen von Kastanien und Falläpfel zusätzliche Töne entlockten.
Im übrigen war der Personalbestand nicht weiter erwähnenswert. Die Gagen wurden auf Grund eines Teilungssystems berechnet. Dannenberg bekam von der Einnahme 3 Teile und zwar einen Teil als Besitzer des Theaters und der Kostüme, einen Teil als Direktor und ein dritten Teil als Darsteller. Der Regisseur, falls er mitgewirkt hatte, bekam 2 Teile. Schauspieler ersten Ranges bezogen 1 Teil, zweitrangige einen halben Teil, Vertreter kleiner Rollen und Statisten arbeiteten nur für die Spesen. Dann war da aber noch die ebenso resolut wie beliebte Gattin des Direktors. Sie schenkte während der Vorstellung Bier und Schnaps aus und bekam zu ihrem Gewinn noch 2 Teile von den Einnahmen des Theaters. Da bei Zugstücken das Theater oftmals so gefüllt war, dass die Zuschauer auch noch auf Treppenstufen saßen und den Gängen standen, ist anzunehmen, dass zuweilen auch einmal Schauspieler mit bekannten Namen im Elysium Theater auftraten.
Für gewöhnlich aber spielte Dannenberg möglichst alle Hauptrollen selbst. Er richtete seine Stücke eben so ein, dass die Helden nacheinander auf die Bühne standen. Dass er mit seinem „Personal“ nicht immer sanft verfuhr, zeigt ein Zwischenfall, der seinerzeit viel belacht wurde. Dannenberg hatte in seinem Drama „Donauweibchen“ einen Zweikampf mit einem Bären zu bestehen. Schon hatte er ihm mehrere wirkungsvolle Stiche mit der Lanze versetzt, da holte er zum letzten und damit tödlichen Stoß aus. In diesen Augenblick richtet sich der Bär noch einmal in ganzer Länge auf, riss sich den Kopfmaske ab und schrie: „Du verdrehte Schinner! Meenst du, dat ik mi för veer Schilling den ganzen Dag dat Lief tweisteken loten will?“
Die Bühnendekoration war eine Patentlösung: Der Hintergrund war Wald, die Kulissen stellten ein Zimmer da. Ein paar Setzstücke taten das übrige. Entsprechend einfach war auch die Kostümierung. Dannenberg mit Vorliebe Ritterstücke aufführte, war er selbst für diese von vornherein richtig angezogen. Für seine Schauspieler kam er meistens mit ein paar Helmen und Mützen aus, im übrigen traten sie in „Zivil“ auf.
Gespielt wurde alles, was Erfolg versprach, vom Räuberstück bis zum klassischen Drama: „Schinderhannes“, „Ingemar der Bluthund“, „Die Räuber auf Marie Kulm“, „Das Totengericht um Mitternacht“, aber auch „Das Käthchen von Heielbronn“ , „Die Jungfrau von Orleans“, „Wilhelm Tell“, „Hamlet“, „Othello“. Daneben spielte er selbst verfasste Stücke, die meistens auf Geschehnisse der damaligen zeit zurückgingen, wie „Der Mond am Gartenzaun“. Ein Glanzstück war der „Freischütz“. Auf Blitz und Donner in der Wolfsschlucht verstand man sich auch ohne große Technik. Als Geist rüstete Frau Direktor eine lebensgroße Puppe mit ihrer Nachtjacke und ihrer Haube aus. Die Wilde Jagt markierten Affen und Bären, wozu das ganze Personal sich verkleiden musste. In der Titelrolle aber glänzte Dannenberg und wusste seine Zuschauer völlig in seinen Bann zu schlagen.
In der Gestaltung aller aufgegriffenen Stoffe war Dannenberg über die Maßen großzügig. Er stand auf dem Standpunkt, dass seine Gäste in ¾ Stunden für das bezahlte Eintrittsgeld genug gesehen hatte und dass andere, die noch draußen standen, doch auch einmal hinein wollten. Darum strich er alles auf sein Normalmaß zusammen und verkündete in seinen Anschlägen stolz: „Gekürzt und verbessert“. Zwar ging dabei oft der Zusammenhang der Handlung verloren. Für Dannenberg waren aber die Einzelszenen die Hauptsache und damit traf er den Geschmack seines Publikums.
Das Publikum war überhaupt maßgebend. Es ging mit, als erlebte er die Handlung in Wirklichkeit. Wenn er hinter der Bühne einen Mord beging, von dem man zwar nur die Schreie seines Opfers, das Krachen der brechenden Knochen gehört hatte, so musste er sich wenn er wieder auf die Bühne kam, die gröbsten Verwünschungen gefallen lassen. Am tollsten aber soll es gewesen sein, als er einmal mit einem prächtigen Hund über die Bühne ging und dann wie es das Manuskript verlangte Geräusche ertönen ließ, als ob er den Hund hinter den Kulissen umbrachte. Bei seinem Wiederauftreten fand die Empörung keine Grenzen. Andererseits fand er auch große Anerkennung, wenn er eine Unschuld rettete, einem Bösewicht das Handwerk legte oder als tapferer Held seine Geliebte in seine Arme schloss. Dann gab es wohl, wie ein Zeitgenosse berichtet, große Kränze mit den Namen der Spenderinnen und kleine Geschenke, wie Hosenträger, wollene Strümpfe, Oberhemden, Tücher und sogar Mettwürste, wovon das meiste auf die Bühne geworfen wurde. Auch wenn es nicht gerade beim Aktschluss geschah, wurde es gleich aufgesammelt und oft mit einem „Dank ok veelmals! Hest nich noch mehr?“ quittiert. So ist es kein Wunder, dass Dannenberg bereit war, auf alle Wünsche des Publikums einzugehen. Einmal soll er auch auf Drängen der Zuschauer Goethe dahin „verbessert“ haben, dass Faust dem Gretchen die Ehe versprechen musste.
Dannenbergs Publikum bestand außer Jugendlichen in erster Linie aus Matrosen, wandernde Handwerksgesellen und jungen Leuten aus dem Kaufmanns Beruf. Für sie war der Besuch des Hamburger Berges immer ein Erlebnis. Aber auch biedere Bürger bis hinauf zu den gebildeten Kreisen wollen nicht darauf verzichten, sich von Zeit zu Zeit einmal bei Dannenberg zu amüsieren. Dieses Amüsement boten nicht so sehr die Stücke, sondern der Reiz eines Besuchs im Mattlertheater lag vor allem in der Art und Weise, wie Bühne und Publikum mit einander verkehrten. Ehe die Vorstellung begann, trat der Kapellmeister des Hauses an ein ziemlich abgespieltes Klavier und fragte die Anwesenden: „Wat sall ik för enen opspeeln?“ Anregungen kamen meistens von der Galerie, wo man als dann mit zu singen pflegte. Manchmal brachte auch ein alter Seebär oder sonst ein Stammgast dem Kapellmeister ein Glas Grog und sagte: „Da mien Lütten, drink man mol een un denn speel mol O Hannes, wat´n Hoot! oder Hest Leberwurst nich sehen?“, worauf das ganze Haus begeistert der Anregung folgte.
Dieses gemütliche Miteinander bestand auch während der Vorstellung. Das Publikum spielte mit, wenn es von der Handlung gepackt wurde, oder es unterhielt sich, wenn es sich langweilte. Wurde diese Unterhaltung zu laut geführt, so trat Dannenberg, seine Rolle unterbrechend, an die Rampe und rief: „Wenn ji nich ruhig sein wüllt, denn holl ik eenfach op to speeln!“ Da man wusste, dass er mit seiner Drohung Ernst machen würde, reif man ihm zu: „Nee speel man to! Wi sünd jo al ganz ruhig“. Dann nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Auch mit kritischen Äußerungen wusste er fertig zu werden. In einem rührseligen Stück traten einmal vier Kinder als Sprösslinge der selben Familie auf: Sie waren alle vier gleich groß und anscheinend auch vom gleichen Alter. Nach einer Weile rief ein Zuschauer: „De Göörn sünd jo all egool oolt“. Dannenberg überhörte den Zuruf. Als aber ein zweiter Zuschauer wiederholte: „De Kinner hebbt woll all densülbigen Dag Geburtstag?“, da schwoll ihm der Kamm. Er unterbrach sich und rief dem Kritiker zu: „Jo, du Dööskopp, dat sünd all veer Dwillings. Ik will di glieks mol jemmer Dööpschiens wisen. Teutmann noch twee Minuten ik koom glieks no di röber!“
Solange es seitens der Zuschauer bei Worten blieb, war sein Zorn nur gespielt. Aber bei Tätlichkeiten konnte er sich wirklich aufregen. So spielt man eines Abends Schillers „Räuber“. Amalie lag erschossen auf der Bühne, dem Publikum zugewandt. Auf einmal springt die Tore auf und verschwindet hinter den Kulissen; Dannenberg, der den alten Moor spielte, ihr nach. Wenig später kam er wieder heraus und sprach mit bebender Stimme: „De mien Amalje den Swatten mang de Tittensmeten hett, de sall sik melln. Ik will em en Gratisvörstellung geben!“ Die Miene, die er dabei auf setzte, genügte dem Täter in aller Eile von seinem Platz zu verschwinden.
Solche und ähnliche Vorkommnisse bildeten natürlich oft den
Gesprächsgegenstand in der Stadt. Einige brachten sie zu Papier, und so sind manche Erinnerungen an das Mattlertheater auf uns gekommen. Jemand, der ständig Gast im Elysiumtheater gewesen war, erzählt uns z. B. folgendes Erlebnis: Man spielt „Faust“. 1 Akt „Faust im Quesenkeller“. Faust kommt im Straßenanzug auf die Bühne, eine Gitarre auf den Rücken. rechts und links sitzt an Einzeltischen ein Dutzend Gäste bei Schnapsgläsern. Faust fängt mit ihnen einen Streit an und wird hinausgeworfen. 2 Akt „Faust im Himmel“. Faust triebt unglaublichen Ulk mit Jupiter und den anderen Göttern. 3 Akt „Faust in der Hölle“. Die Bühne erscheint rot in bengalischer Beleuchtung, kleine Teufel tänzeln herum. Faust wieder mit der Gitarre, tritt ein und wischt sich mit beiden Rockärmeln den Schweiß von der Stirn. Dazu sagte er: Diese Hitze! Pfui Deibel , was ist das hier heiß!“ Da ertönt eine Stimme auf der Galerie: „Hier boben ok!“ Faust wirft einen empörten Blick nach oben und ruft dem Störenfried zu: „Heuermol to, mien Jung, hier schräg öben, dor wohnt en Slachter, de hett´n Iskeller. Goh man gau mol röber un keuhl dinen Sprietkopp en beten af!“ Dann geht die Handlung weiter. Mephisto erscheint und spricht: „Auf dich, du Satansbraten, haben wir schon gewartet. Hinunter mit dir in den tiefsten Höllenpfuhl! Aber warte, mein Junge, deine Brille kannst du mir noch verehren!“ Dabei nimmt er ihm die große Gelehrtenbrille, die ja bei dem Hinauswurf beschädigt werden könnte, von der Nase und stößt den den unglücklichen Faust dann ins Fegefeuer.
Dieses Eingehen auf die Wünsche des Publikums war übrigens in Hamburg nichts neues. Auf der Schusterherberge am Gänsemarkt gastierte einmal eine Truppe, die mit ihren Marionetten das damals auf Märkten und in Herbergen immer wieder aufgeführte Stück „Die öffentliche Enthauptung des Fräuleins Dorothea“ spielte. Nachdem die Leiden dieser Dorothea gehörig bejammert und die Späße des Hanswurstes ausgiebig belacht waren, ging die Enthauptung unter Trommelwirbel und Fanfarenstößen vor sich. Sie gelang so gut, dass die Zuschauer stürmisch eine Wiederholung der Szene verlangten. Der Manager war kein Spielverderber. Das Haupt der unglücklichen Dorothea wurde wieder angeheftet und die Absäbelung ging ein zweites mal in Szene.
Die Handlung lag bei Dannenberg nicht fest. Man konnte dasselbe Stück in verschiedenen Fassungen erleben. Textbücher gab es nicht. Wusste einer in seiner Rolle nicht weiter, so folgte er irgendeinem Einfall, dem sich die anderen dann notgedrungen anpassen mussten. Dadurch zog das Stück dann manchmal über Gebühr in die Länge, weil man den richtigen dreh zum vorgesehenen Abschluss nicht gewinnen konnte. Das war bedenklich, wenn die Zeit der Tor sperre gekommen war. So hatte es, als man ein Drama vom Königsmond spielte, Schon zweimal am Millerntor geläutet. Es war höchste Zeit, die Vorstellung zu beenden. Aber die Handlung ging unentwegt weiter. Dannenberg stand schon eine Weile nervös am Ausgang. Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten und rief zur Bühne hinüber: „Mookt to, mook to! Dat hett al tweemol lüüdt!“ Von der Bühne aber rief einer zurück: „De Keunig is noch nicht doot!“ Das war es ja eben, was Dannenberg so erregte und daher seine kategorisch Anweisung: „Denn pett em in´n Mors!“
Das gute Einvernehmen zwischen Bühne und Publikum erkannte man auch nach der Vorstellung. Da sah man oft die Schauspieler als Fürsten, Ritter oder Räuber mit Leuten aus dem Publikum an der Theaterschenke stehen. Bier wurde damals wenig getrunken, man trank Grog und manchmal Mimen tat der Trunk gut als Stärkung für die als bald beginnende nächste Vorstellung. Die Bezahlung war natürlich den Kunstfreunden aus dem Publikum überlassen. Die aus wenigen Schillingen bestehenden Gagen, die noch dazu von Dannenberg meistens verspätet gezahlt wurden, damit ihm seine Schauspieler nicht davon liefen, reichten nur für den notwendigsten Lebensunterhalt. Kredit aber wurde von Frau Dannenberg nicht gewährt.
Die Presse und die Theatergeschichte nahmen von der Existenz des Elysium Theaters keine Notiz. Für sie war es nach wie vor eine Dombude und stand auf einer Stufe mit dem Tingeltangel. Nur einmal brachte eine Hamburger Zeitung ein lobendes Wort über die markige Spielweise des Direktors und das verständnisvolle Zusammenwirken der Schauspieler. Mann sollte meinen, dass Dannenberg ob dieser Anerkennung seiner Leistungen aufs höchste erfreut gewesen wäre. Aber er stürzte sofort in die Räume der Redaktion und legte lauten Protest ein. Verständnislos starrte der Redakteur ihn an und wagte nur schüchtern einzuwenden, er hätte doch sein Theater als Kunstinstitut anerkannt und seine Aufführungen gelobt. Aber Dannenberg fuhr ihm dazwischen: seine Leute hätten den Schmierkram gelesen und würden nun kommen und eine Erhöhung der Gage verlangen.
1860 trat für St. Pauli abermals ein großer Wandel ein. Mit dem 31. Dezember wurde die Torsperre aufgehoben. Bis dahin musste alles, was sich draußen vergnügt hatte, bei Dunkel werden in die Stadt zurückkehren. Wer sich verspätete, musste bezahlen und diese Aufgabe wurde allgemein als sehr unangenehm empfunden. Der frühe Torschluss hatte bewirkt, dass alle Darbietungen auf St. Pauli Tagesveranstaltungen waren. Als nun aber jeder nach Hause gehen konnte, wann es ihm beliebte und man sogar wochentags nach getaner Arbeit noch seinen Vergnügen nachgehen konnte, hatte die Geburtsstunde für das Nachtleben St. Pauli geschlagen. Nun entstanden in den festen Gebäuden am Spielbudenplatz Singspielhallen, große Bierlokale, Weinstuben, richtige Theater und Varietes. Solcher Konkurrenz war Dannenberg mit seiner von zwei, Galavorstellungen von vier Lampen erhellten Bühne nicht gewachsen. Der Besuch ging nun von Jahr zu Jahr zurück. Noch einmal schien die alte Anziehungskraft sich wieder einzustellen, als Dannenberg das Mord und Schauerstück „Timm Tode“ das von einem 1866 geschehenen Mord im Dorf Groß Kampen in Dithmarschen handelte, aufführte. Vater, Mutter, vier Brüder, die Schwester eine Magd wurden von dem Mörder Tode mit einer Handspake erschlagen und Haus und Scheune in Brand gesteckt.
Das war ein Stoff für Dannenberg, bei dem das Gruseln kein Ende nahm. Bei dem starken Andrang gelang es, das Stück in drei Wochen 80 mal über die Bretter gehen zu lassen, wobei der erbarmungslos geplagte Hauptdarsteller 80 mal die Guillotine besteigen musste. Es entstand daraus ein Streit, in dem dieser Schauspieler als „Held“ die tarifliche von 12 Schilling für jede Vorstellung verlangte, während Dannenberg nur die einem „Intriganten“ zustehende 8 Schilling bezahlen wollte. Man einigte sich schließlich auf 10 Schilling. Dannenberg fand das Vorgehen des Schauspielers empörend. Für ihn war es eine Auflehnung gegen seine Autorität. Als es nun immer wieder vor kam, dass an der Kasse Gruppen von jungen Menschen erschienen und forderten „soß Mann för veer Schilling“, da erkannte er, dass sein Theater nicht mehr für voll eingeschätzt wurde. So kam es, dass er, ein Theatermann aus Leidenschaft, der in 28 Jahren mit seiner Bühne eine Sehenswürdigkeit Hamburgs geworden war, 1868 Konkurs anmelden und die Pforten seines Kunsttempels schließen musste. Das Gebäude wurde zur Vogtschen Singspielhalle umgebaut. Dannenberg zog sich notgedrungen ins Privatleben zurück. Wir begegnen ihm noch einmal 1871 wieder, als der Volkssänger Christian Hansen sein 40 jähriges Dichterjubiläum feierte und bei dieser Gelegenheit in einer Veranstaltung das „alte Hamburg“ wieder erstehen lässt. Da muss Dannenberg dabei sein und einst „Schulln, Schulln, Schellfisch un Steenbütt“ als Ausrufer anpreisen. Das war der späte Dank dafür, dass das Elysium-Theater Hansens Stück „Ein Hamburger als Ehestifter“ 100 mal aufgeführt hatte. Danach trat Danneberg noch einige Male bei besonderen Gelegenheiten als Ansager im Concordia - Etablissement auf. Das Theater hatte ihm keine Reichtümer eingebracht. Überschüsse der guten Zeit waren in den Jahren des Rückgangs aufgezehrt worden. Nun musste er zusehen, wie er seine siebenköpfige Familie durch- brachte. Wenn nicht andere Arbeit zu erhalten war, brachte er Räucherfisch der Fischhandlung Carl Hagenbeck an die Kundschaft oder hütete die Hagenbeckschen Kinder. Die Familie Hagenbeck wohnte im gleichen Haus wie er in der Lincolnstraße, St. Pauli. Als Dannenberg1883 starb, kamen die Seinen in große Not, dass die beiden jüngsten Mädchen ins Weisenhaus gegeben werden mussten.
Hamburger Kökschen
Hamburger Kökschen
Wo ist sie geblieben, die Hamburger Köksch oder Lüttmaid, die aus gebrochenem Herzen die Suppe versalzte und die Milch anbrennen ließ? Mit ihrer weißen Spitzenhaube im Blondhaar, mit den kurzen, gepufften Ärmeln ihres hellen, gestärkten Kattunkleides, mit sauberer Schürze, weiße Strümpfen und schwarzen, spangenlosen Schuhen, den Henkelkorb am roten, spröden Arm, so sah man sie morgens zum Bäcker, Schlachter, Krämer jagen oder auch nicht jagen, denn nur ihre Arme waren Spröde, ihre Zunge war es nicht. Wo sich unterwegs eine Gelegenheit bot, wurde ein Klönschnack mitgenommen, dessen Dauer sich jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung entzog. Diese und einige andere Untugenden hinderten nicht, dass die Hamburger ihre lieben Köchinnen mit Wohlgefallen nachblickten.
Lütt Greten dient bei einen alten Ehepaar. Sie ist schlank, hübsch und schnippisch, lässt die Scheuerfrau bis abends zehn Uhr „klein“ nimmt die Herrschaft von der komischen und die Liebe von der ernsten Seite. Wie alle Köchinnen hat sie Liebeskummer. Der Wassereimer bekommen es zu fühlen. Er wird mit Fußtritten behandelt, was bisher das Vorrecht der vor witzigen Dackelhündin Walli gewesen war. Kochtöpfe und Herdringe fliegen bis die Töpfe wie von Beulenpest geplagt aussehen. Wenn Grete durch das Herdfeurer zu doppelter Glut entfachen mit dem Schürhaken hantiert, ist es ratsam, ihr nur mit vollendeten Umgangsformen zu nahe. Was ihren Rudolf betrifft, so hat er sich ihr seit zwei Wochen nicht mehr genährt, seit jenen Abend nämlich, als sie ihn mit der rothaarigen Lina in Ahrens Tanzlokal überraschte. Der Undankbare Ohne Geld in der Tasche, ohne Achternflieck an den Schuhen war er ihr begegnet. Aus Mitleid hatte sie sein Hemd gewaschen, ihm ihre Ersparnisse geopfert, ihn mit Aalsuppe und Klößen den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Der Lump! Er hat ihre Liebe verraten, ihre Gutmütigkeit missbraucht. Er soll ihre Rache kennen lernen!
Die Teilnahme an solchen Herzensnöten darf nicht dazu führen, die weiße Spitzenhaube der Küchenfee mit einem Heiligenschein zu verwechseln. Auch die Köksch ist eine echte Eva Tochter, der es Freude macht, einen schmachtenden Liebhaber wie eine Laus zu knicken, einen besonders hellen Verehrer hinters Licht zu führen und einem Don Juan von der Wasserkante zu beweisen, dass es nicht nur unter den Vierfüßlern Geweihträger gibt.
Das Mannsvolk betreffend, so wirft Eris seinetwegen oft ihren Zankapfel unter die Liesen, Lenen, Gusten und Kathrinen. Einig hingegen sind sich alle Köchinnen und Kleinmädchen, wenn sie am Bündeltag um den großen Tisch der Mädchen Vermieterin sitzen und in Erwartung der neuen Herrschaft die alten verlästern, denn am Bündeltag wechseln die Mädchen ihre Wäschebündel am arm die Stellung. Das geschieht nicht immer reibungslos. Als Kathrin an einen solchen Tag die Wohnstube betrat, um Adieu zu sagen und mit einen Knicks den Hausherren ausgezählten Lohn entgegen zunehmen, war Madame dazwischengetreten , eine Reihe zerschlagender Schüsseln, Tassen, Töpfe herzählend, die dem armen Ding von Verdienst abgezogen werden sollte. „Lat se lopen! Endet der Hausherr den Wortstreit. Gah Se mit Gott un föhr Se sick good up“. „Maak Sie , dat Se wegkommt!“ herrschte Madame. Der fünfzehnjährige junge Herr flüsterte traurig: „Adschüs Katrin! „wofür ihm ein dankbarer Blick aus Wimpern dunklen Augen belohnte“.
Ihr Bündel im Arm der Koffer sollte einige Tage später abgeholt werden , war Kathrin auf die Straße geeilt und nun sitzt sie am Tisch der Mädchen Vermieterin, sich an Kaffee, Zuckerkringel und ihrem Redestrom labend. „Gottlob , dat ick ut den Deenst bün! De Herr is een Slapmütz un dörff nix seggen, Madame is een Dübel, Mamsell een hochmödig Ding, un Musje is noch to lüttj.
Trina beschwert sich, ihre Madame habe ihr vorgeworfen, sie sei auf Kerls erpicht: Lena rühmte sich, ihren Schatz ins Haus geschmuggelt zu haben, worauf die alte Kupplerin von Mädvermedersch bedeutsame Winke für eine zeitgemäße Köchinnen Moral gibt. Keine klugen Deern dürfte mehr für ihr aussehen sparen. Das Geld sei nötiger für Seidenhüte, Kaschmirschals, Tüllkleider, Stöckelschuhe. Denkt nicht an Morgen, das Denken macht hässlich! Kein Wunder. Dass die hungrigen Mäuslein sich durch solchen Speck fangen lassen und zu allen bereit Arm in Arm nach Ahrens abziehen. Im Tanzsaal schlendern schon viele frische junge Mädchen mit ihren Bündeln auf und ab, die blendend weiße Haube auf den blonden Scheitel, das zierliche Liebliche vom besten Kattun, die schwarze, kunstvoll ausgezackte Taffetschürze vor dem Faltenrock. Mit den Gefährtinnen plaudernd spähte sie heimlich nach einem „Chapean“ der sie zum Tanzen führen, mit einem Glas Punsch bewirten und zum Schluss ihre Bündel nach Hause tragen soll.
Während die neue Madame ungeduldig die Straße hinunter späht und wegen der Verspätung bereits den ersten Zorn in sich aufsteigend fühlt, lässt sich die Köksch bei Ahrens ein Mettwurstrundstück schmecken, bis sie nach einen Blick auf die Uhr ihres Verehrers mit einem Schrei auffährt, von ihm begleitet den Saal entschwebt und mit der neuen Stellung neue Leiden und neue Freuden auf sich nimmt.
HAMBURGER AAlSUPPE
Wohlauf , wackre Hausfrau, wasch ab den Aal
und schlag ihm das Fell um die Ohren.
Mit Weißwein wird das leckere Mal
in kurzer Brühe geboren.
Auch Lorbeer Blätter, zwei oder drei,
tun treffliche Dienste dir dabei.
ite dann Birnen als Kompott
und vergiss nicht, mit Zimt sie zu würzen.
Wer kochen will wie ein junger Gott,
der muss sich in Unkosten stürzen.
Zum Schinken kochen nimm Sellerie,
nimm Wurzeln und hack zu würfeln sie.
Von bester Butter ein gutes Stück
zusammen mit Mehl sollst du schwitze.
Halt mit den Pflaumen auch nicht zurück
und fülle mit Pfeffer die Ritzen.
Durch Sauerampfer und Salbei
pikanter noch wird das Allerlei.
Nimm Porreeblätter und Portulak,
auch Erbsen sind zu entschoten.
durch Zutaten von Kräuter entsteht
ein Geschmack, den niemand
bis heute überboten.
Und kommt die Terrine dann
auf den Tisch, erhebt sich ein
Jubel gar mörderisch!
De Nachtwächter
De Nachtwächter
Wann es den ersten Nachtwächter gab, wird wohl schwer zu ermitteln sein. In Hamburg gab es früher wenigstens das „Corbs der Nachtwächter“.
Sie waren mit einer Lanze ausgerüstet, die sie nach den fliehenden Verbrechern warfen und mit einer Knarre (Rätelding), die sie in Bewegung setzten, wenn sie die Stunden ausriefen. Sie waren sehr schlecht bezahlt und übten den Nachtdienst nur nebenberuflich aus, so das es kein Wunder war, wenn sie dabei statt zu wachen schliefen. So bekam schließlich der Ausdruck „Nachtwächter“ die Bedeutung von „Schlafmütze“.Die Uniform soll teilweise das Aussehen einer Eule gehabt haben
Ihre Aufgabe war Diebs - und Raubgesindel, Unruhestifter und nächtliche Sänger, welche die Ruhe der Bürger störten, zu“vigiliren“ d.h. Fanden.
Vorrangige Aufgabe war, das Abrufen der Stunden. Es geschah dies in der verschiedensten Art und Weise, meist in plattdütsch
„De Klock hat tein schlahn,
tein is de Klock!“
Stets gingen zwei Mann Streife. Voran ging „de Röper“ (Rufer) ihm folgt 12 Schritte dahinter „de Sliker“ (Schleicher); beide mussten ein „wachsames Auge haben.
Um 1617 beauftragte der „Ehrbare Rath“ bei der Bürgerschaft 50 „Nacht oder Rätelwächter“ einzustellen, diese militärisch zu organisieren und zu Uniformieren.
Der Pferdemarkt war der Parade und Alarmplatz des Korps. Dort traf sich die gesamte Mannschaft jeden Abend eine halbe Stunde vor „Torsperre“ (Sonnenuntergang) in völliger Rüstung einzufinden und sie marschierten dann zu ihren Wachen.
Das Korps löste z. B. am 24. Mai 1814 die Franzosen vor der Hauptwache am Pferdemarkt ab.
So nach und nach wurde sie auch zu den außerordentlichen Einsätzen am Tage (z. B. private polizeiliche Dienstleistungen, Verstärkung der Wachen oder als Schöldwache bei Lotterieziehungen) eingesetzt.
Zu leiden hatten die Nachtwächter auch unter den Späen des „Vetter Kirchhoffs“. Die Rache der Nachtwächter an „Vetter Kirchhoff“ war, sie ihn nach nächtlichen Zechgelagen arretierten. Eine Nacht auf der wache kostete damals „Fief Mark veertein“. Ab ca.1852 ging das Nachtwächter-Corbs in die allgemeine Polizei über.